aus dem Netzwerk Insider August 2026
Vorab möchte ich warnen: Dieser Beitrag soll weder pauschale Technologiekritik noch Investitions- oder Deinvestitionstipp sein. Ich spekuliere nicht an der Börse und rate jedem, der das tut, sich nicht an meinen Beiträgen zu orientieren. Vielmehr sollen die nachfolgenden Ausführungen zu einer Diskussion unter den Hauptadressaten von ComConsult anregen, nämlich den IT-Verantwortlichen in Unternehmen und Behörden, die sich immer wieder die Frage stellen, wie sich Künstliche Intelligenz (KI) auf ihren Verantwortungsbereich auswirken wird.
Trotzdem: Blick auf die Finanzbranche
Nach der obigen Warnung möchte ich trotzdem einen Blick auf die Finanzbranche wagen, die sich heute mit kaum einem Thema intensiver beschäftigt als mit der Frage, ob man weiter in KI investieren, innehalten oder gar die KI-Titel abstoßen soll.
Dazu habe ich einige Artikel gelesen, leider immer wieder mit der nachträglichen Feststellung, dass die vielen Aussagen über die Welt, die sich wie noch nie mit KI ändern wird, wie ein sehr verdächtig einstimmiges Konzert klingen. Denn ehrlich gesagt merke ich persönlich wenig von einem angeblich beispiellosen, von der KI verursachten Umbruch in der Welt. Für mich persönlich war jede der drei großen Änderungen in den ersten beiden Jahrzehnten meines Studien- und Berufslebens (Umstellung auf Computer, Nutzung des World-Wide Web und Entdecken der Möglichkeiten von Suchmaschinen) ein größerer Umbruch als die jetzige KI-Welle. Weil meine persönliche Wahrnehmung eine andere ist als die allseits vertretene KI-Euphorie, habe ich gezielter nach differenzierteren Meinungen gesucht.
Platzt die Blase oder bläht sie sich weiter auf?
Auf der Suche nach einem differenzierteren Bild zu KI-Investitionen bin ich auf einen Artikel im Wirtschaftsteil der britischen Guardian gestoßen. Der Beitrag von Phillip Inman datiert vom 27. Juni 2026. Der Artikel startet mit dem Hinweis, dass sich alle paar Jahrzehnte Investoren fragen: Weiter auf steigende Werte setzen oder die Warnungen über einen bevorstehenden Crash ernstnehmen? Und wir sind wieder in einer solchen Zeit. Wie beim Run auf Aktien kommt es dann regelmäßig zu einem Wettbewerb darum, wer zuerst das Platzen der Blase vorhergesagt hat. Die ersten Prognosen zum Platzen der KI-Blase liegen nunmehr Jahre zurück.
Und was passiert dann? Laut Inman eine Desensibilisierung der Investoren. Wenn die Prognosen jahrelang nicht eintreten, dann treten sie nie ein. Also weiter kaufen.
Trotzdem gibt es beunruhigende Zeichen: Einige der sieben KI-Giganten (Amazon, Alphabet, Nvidia, Meta, Microsoft, Apple und das Musk-Imperium) haben in letzter Zeit für Investitionen Darlehen aufgenommen.
Inman zitiert Ludovic Subran, den Chefinvestor der Allianz, mit der Aussage, dass SpaceX trotz der Börsengang-Einnahmen von 86 Milliarden Dollar weitere 25 Milliarden durch Bond-Verkauf beschafft hat. Laut Subran ein eindeutiges Zeichen, dass die Märkte in “Bubble Territory“ eingetreten sind.
Ferner wird Jeremy Grandham von der Londoner City zitiert, der angab, er habe mit dem Verkauf von KI-Werten begonnen. Grandham zieht zur KI-Blase zwei historische Parallelen: Ausbau der Eisenbahnen im 19. Jahrhundert (damals bekannt als „Eisenbahnschwindel“, als Wortspiel über die Übelkeit bei Fahrgästen, die mit der hohen Geschwindigkeit von Zügen nicht klarkamen), und die Internet-Euphorie vor ca. 30 Jahren. In beiden Fällen verloren Millionen Menschen viel Geld. Und wo Millionen verlieren, werden immer einige wenige noch reicher.
Guardian zieht das Fazit, dass es nicht um das Ob, sondern um das Wann des Platzens der KI-Blase geht.
Was soll die Spekulation über das Platzen der Blase?
Ich verlasse nun das Terrain der Spekulation, auf dem ich nur ausrutschen kann, und komme zu meinem eigentlichen Anliegen: Was sagt uns als IT-Verantwortlichen die Marktsituation?
Für mich besteht kein Zweifel: Die Euphorie über gesteigerte Produktivität durch KI ist maßlos übertrieben. Ich komme als Berater mit Menschen aus vielen Branchen zusammen. Und niemand hat mich bisher überzeugen können, dass der angepriesene Produktivitätsgewinn eingetreten sei. Hin und wieder sehe ich, wie die KI ein Dokument zusammengefasst hat, um dann nachträglich die Zusammenfassung korrigieren zu müssen. Und ich höre von Versicherungen, die Zahlungen durch die KI bewilligen lassen. Mir kommt es jedoch vor, dass man krampfhaft versucht, die Wirtschaftlichkeit von KI herbeizureden.
Die Probe aufs Exempel: Wie viele Firmen kennen Sie, die eine OnPrem-KI aufgebaut haben? Wenn sie sich lohnen würde, träfe man auf mehr Installationen als zurzeit wahrnehmbar. Ich hatte in den letzten Wochen Besprechungen mit einigen der führenden Colocation-Provider. Nach dem für KI erforderlichen erheblichen Ausbau der Kühlungskapazität bis hin zur Flüssigkeitskühlung gefragt, sagten mir alle in etwa: Ja, in einem unserer zahlreichen Rechenzentren haben wir ein Pilotprojekt. Das großzügigste mir bekannte Rechenzentrum unterstützt 18 kW Abwärme pro Rack. Ein halbwegs gut bestückter KI-Server-Rack würde nach heutigem Stand weit über 100 kW Wärme abgeben.
Daher die KI aus der Cloud
Ich kenne durchaus Anwendungen und Szenarien, mit denen KI-Nutzung die Produktivität steigern würde. Nur reichen sie nicht aus, um erhebliche eigene Investitionen in eine OnPrem-KI – bis hin zu ganz neuen Rechenzentren – zu rechtfertigen. Deshalb verstehe ich die die Beweggründe dafür, die KI aus der Cloud zu nutzen. Auf die Frage, welche Nebenwirkungen dieser Trend zeitigen wird, möchte ich an dieser Stelle nicht mehr ausführlich eingehen. Nur so viel: In solchen Fällen wird ignoriert, dass die KI aus der Cloud fast immer gleichbedeutend mit der Nutzung von Hyperscaler-Clouds ist, die von außerhalb der EU kontrolliert werden. So kommt es, dass es im Moment zwischen KI-Nutzung und digitaler Souveränität ein Entweder-Oder gibt.




