aus dem Netzwerk Insider Januar 2026
Wer Videoüberwachungsanlagen plant oder betreibt, muss sich früher oder später mit der internationalen Normenreihe IEC 62676 „Video surveillance systems for use in security applications“, bzw. ihrer deutschen Übersetzung, der DIN EN IEC 62676, beschäftigen. Sie definiert Standards für Videoüberwachungsanlagen für Sicherungsanwendungen, von der Planung über die Installation bis zum Betrieb, inklusive Anforderungen an Bildqualität, Schnittstellen und Leistungsprüfungen für Komponenten wie Kameras und Videoanalyse-Server. Mit dieser Normenreihe erhalten Fachplaner, Errichter und Betreiber von Videoanlagen ein mächtiges Werkzeug, mit dem sie die fachgerechte Errichtung der Überwachungslösung sicherstellen und spätere Anpassungen vermeiden können. Der vierte Teil der Reihe, die Norm 62676-4 „Anwendungsregeln“, wurde jüngst einer wichtigen Aktualisierung unterzogen. In diesem Artikel werden die wesentlichen Neuerungen und Verbesserungen im Vergleich zur alten Norm aus dem Jahr 2015 unter die Lupe genommen.
Wer Videoüberwachungsanlagen plant oder betreibt, muss sich früher oder später mit der internationalen Normenreihe IEC 62676 „Video surveillance systems for use in security applications“, bzw. ihrer deutschen Übersetzung, der DIN EN IEC 62676, beschäftigen. Sie definiert Standards für Videoüberwachungsanlagen für Sicherungsanwendungen, von der Planung über die Installation bis zum Betrieb, inklusive Anforderungen an Bildqualität, Schnittstellen und Leistungsprüfungen für Komponenten wie Kameras und Videoanalyse-Server. Mit dieser Normenreihe erhalten Fachplaner, Errichter und Betreiber von Videoanlagen ein mächtiges Werkzeug, mit dem sie die fachgerechte Errichtung der Überwachungslösung sicherstellen und spätere Anpassungen vermeiden können. Der vierte Teil der Reihe, die Norm 62676-4 „Anwendungsregeln“, wurde jüngst einer wichtigen Aktualisierung unterzogen. In diesem Artikel werden die wichtigsten Neuerungen und Verbesserungen im Vergleich zur alten Norm aus dem Jahr 2015 unter die Lupe genommen.
Die Normenreihe IEC/EN 62676 ist in mehrere voneinander unabhängige Teile gegliedert. Der Teil 4, um den es in diesem Artikel geht, heißt in der deutschen Fassung DIN EN IEC 62676-4: „Anwendungsregeln“. Diese Norm „umfasst die Planung, Gestaltung, Installation, Prüfung, Inbetriebnahme und Wartung von Videoüberwachungssystemen (VSS) […] zur Nutzung in Sicherheitsanwendungen.“ [4] Die bisher geltende Fassung trat im Jahr 2014 in Kraft.
Seitdem haben sich die technischen Anforderungen und Sicherheitsbedürfnisse jedoch rasant weiterentwickelt. Die Festlegungen der Norm EN 62676-4:2015 gelten mittlerweile als überholt, da sie neuen Technologien wie z. B. einer Videoanalyse mit künstlicher Intelligenz (KI) oder höheren Kameraauflösungen nicht gerecht werden können. Um diesen Veränderungen Rechnung zu tragen, wurde die Norm überarbeitet: Im Oktober 2025 ist mit der Norm IEC 62676-4:2025 eine Überarbeitung in Kraft getreten, welche die Fähigkeiten und Einschränkungen moderner digitaler IP-Kameras berücksichtigt. Eine Übernahme bzw. Übersetzung als DIN-EN-IEC-Norm wird im Januar/Februar 2026 erwartet [4].
Hier ein Überblick über die verschiedenen Normen, die herausgebenden Organisationen und ihre Veröffentlichungsdaten:
- Auf internationaler Ebene: IEC (International Electrotechnical Commission) [2]
- IEC 62676-4:2025
- Veröffentlichungsdatum: 09.10.2025
- Diese Norm ersetzt die erste Edition der Norm aus dem Jahr 2014: IEC 62676-4:2014.
- Auf europäischer Ebene: CENELEC (Europäisches Komitee für elektrotechnische Normung) [3]
- EN IEC 62676-4:2025
- Erscheinungsdatum: 28.11.2025
- Die IEC-Norm wurde unverändert als europäische Norm übernommen. Sie ersetzt die erste Edition der Norm EN 62676-4:2015.
- Auf deutscher Ebene: DIN (Deutsches Institut für Normung) & DKE (Deutsche Kommission Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik) [4]
- Vorbestellbarer Norm-Entwurf: DIN EN IEC 62676-4:2026-02 (VDE 0830-71-4:2026-02)
- Voraussichtliches Erscheinungsdatum: 09.01.2026, Voraussichtliches Ausgabedatum: Februar 2026
- Die Norm wird auf Deutsch übersetzt und ist inhaltlich identisch mit der IEC-Version, nur das Titelblatt und nationale Vorbemerkungen unterscheiden sich. Sie ersetzt die Edition DIN EN 62676-4 (VDE 0830-71-4):2016-07.
Zunächst sind die Begrifflichkeiten zu klären: Es gibt mehrere gängige Abkürzungen für das Wort „Videoüberwachungsanlage“: die deutsche Abkürzung VÜA, sowie die in den englischen und deutschen Versionen der Norm verwendete Abkürzung VSS für Englisch video surveillance system. Hier sind wir bereits bei einer ersten Neuerung, welche die neue Norm mitbringt: War in der Norm DIN EN 62676-4:2016-07 noch die Rede von „Videoüberwachungsanlagen (VSS) [sic]“, ist der verwendete Begriff in der neuen Norm DIN EN IEC 62676-4:2026-02 „Videoüberwachungssysteme (VSS)“<1>. Daher wird in diesem Artikel ebenfalls die Abkürzung VSS für Videoüberwachungssystem verwendet.
Warum eine Überarbeitung der Norm?
Wie bereits beschrieben, berücksichtigt die überarbeitete Norm die technologischen Entwicklungen der letzten Jahre und die aktuellen Sicherheitsanforderungen, besonders im Hinblick auf Auflösungen und Detailgrad moderner Kameras. Sensortechnologie, Kompressionsalgorithmen, Bildverarbeitung und weitere technische Merkmale von Kameras und zentralen Komponenten haben seit 2015 große Fortschritte zu verzeichnen. Besonders hervorgehoben sei auch der zunehmende Einsatz und die zunehmenden Fähigkeiten von KI-gestützter Videoanalyse, maschinellem Lernen und Verhaltens- und Objektklassifizierung. Die EN 62676-4:2015 basiert auf dem damaligen Stand der Technik, als teilweise noch analoge Videotechnik Standard war. Die in dieser Norm getroffenen Annahmen wurden von denen für analoge Videosignale abgeleitet, sind jedoch in dieser Form nur eingeschränkt auf digitale Signale übertragbar. Beispielsweise wurden die Mindeststandards für die Videoqualität anhand der Objektgröße auf einem PAL-Monitor mit einer Auflösung von 576 sichtbaren Zeilen (576i) festgelegt. So lautet beispielsweise die Anforderung der Qualitätsstufe „Identify“: Eine Person, die auf einem PAL-Monitor mit 100 % ihrer Körpergröße zu sehen ist, kann zweifelsfrei identifiziert werden. Eine Anforderung, die nach heutigen Erkenntnissen für eine Identifizierung zu gering ist, besonders wenn die Bildqualität durch schlechte Lichtverhältnisse oder Kompressionsartefakte beeinträchtigt wird. Der Einfluss dieser Bildstörungen wurde in der alten Norm nicht berücksichtigt. Daher war eine Aktualisierung der Norm 62676-4 dringend nötig. In der aktualisierten Norm sind die Standards für die Videoqualität anhand der Objektgröße auf einem Full-HD- und einem UHD-Monitor festgelegt, was dem aktuellen technischen Stand entspricht.
Neuerungen in der aktualisierten Norm: IEC 62676-4:2025
Was hat sich nun in der überarbeiteten Norm gegenüber der vorherigen Version geändert? Werfen wir dazu einen Blick in den Änderungsvermerk der DIN EN IEC 62676-4:2026-02:
„Gegenüber DIN EN 62676-4 (VDE 0830-71-4):2016-07 wurden folgende Änderungen vorgenommen:
a) Umsetzung einer Aufforderung zur Definition eines Sicherheitskonzepts (statt lediglich einer Risikoanalyse) (4.2);
b) Auswahl von Sicherungsgraden (4.2.3);
c) vollständige Neudefinition von Pixeldichten (6.7) einschließlich neuer Prüfkarten (Anhang C):
– Aktualisierung des vorherigen MDORII-Systems mit 6 Pixeldichten […] auf das neue O2DCPVS-System mit 7 Pixeldichten […]
d) Betrieb von VSS (Abschnitt 17);
e) Einstufung in Sicherungsgrade nach Größe (Anhang D, Tabelle D.2);
f) Einstufung in Sicherungsgrade nach Anwendung (Anhang D, Tabelle D.3);
g) Einstufung in Sicherungsgrade nach kritischer Infrastruktur (Anhang D, Tabelle D.4);
h) Tabellen für Anzahl der Einzelbilder in Abhängigkeit von der Objektgeschwindigkeit (Anhang D, Tabelle D.5 und Tabelle D.6);
i) allgemeine Aktualisierungen von Tabellen im gesamten Dokument.“ [4]
Im Folgenden wird auf die wichtigsten Änderungen näher eingegangen.
Neue Qualitätsstufen und Pixeldichten: Von MDORII zu O2DPCVS
Die wichtigste Neuerung ist die vollständige Neudefinition von Pixeldichten und Objektgrößen, welche wichtige Instrumente zur Beurteilung und Klassifizierung der Bildqualität von Kameras und Anzeigegeräten sind.
Aber was ist die Pixeldichte? In der Videoüberwachung bestimmt die Auflösung die Bildschärfe und Detailgenauigkeit der Aufnahmen. Je höher die Auflösung, mit der ein Objekt dargestellt wird, desto mehr Details dieses Objekts können erkannt werden. Die Größe eines Objekts auf dem Bildschirm muss im Verhältnis zu dem stehen, was die Bedienperson damit machen möchte, z. B. zwischen einem Auto und einem LKW unterscheiden, eine Person identifizieren, oder ein Objekt in hohem Detaillierungsgrad inspizieren. Für jede Aufgabe, die von einer Bedienperson übernommen werden kann, legt die Norm eine Qualitätsstufe fest. Diese muss zur Erfüllung der Aufgabe mindestens gegeben sein. Der Parameter, der die Mindestauflösung einer Qualitätsstufe beschreibt, wird in Pixel pro Meter (ppm) gemessen, was sich auf die Anzahl der Pixel an der Objektposition im Fokusbereich bezieht (Mindestpixeldichte). In welcher Entfernung von der Kamera diese Mindestpixeldichte erreicht wird, hängt von der Sensorgröße, der Auflösung des Sensors und dem Sichtfeld (engl. field of view, FOV) der Kamera ab. Je höher die Pixeldichte, desto höher ist die Bildqualität und desto kleinere Details können erkannt werden – insbesondere für die forensische Analyse ein entscheidender Faktor.
Die genannten Qualitätsstufen und ihre Mindestpixeldichten unterscheiden sich zwischen der Norm aus 2014 und der aus 2025 deutlich. Die alte Norm definiert folgende sechs Qualitätsstufen (niedrigster bis höchster Detailgrad) (vgl. [7]):
- Überwachen (engl. Monitor): min. 12,5 ppm
- Erfassen (engl. Detect): min. 25 ppm
- Beobachten (engl. Observe): min. 62,5 ppm
- Erkennen (engl. Recognize): min. 125 ppm
- Identifizieren (engl. Identify): min: 250 ppm
- Überprüfen (engl. Inspect): min. 1000 ppm

Abbildung 1: Pixeldichten für verschiedene Qualitätsstufen nach EN 62676-4:2015 [5]
Oft werden die Anfangsbuchstaben der englischen Begriffe als Abkürzung verwendet, was als MDORII bekannt ist. Am gebräuchlichsten ist die Variante, bei der die beiden selten genutzten Klassen „Überwachen“ und „Überprüfen“ weggelassen werden: DORI. Umgangssprachlich wird dies daher als DORI-Standard bezeichnet.
Die neue Norm 62676-4:2025 definiert folgende sieben Qualitätsstufen (niedrigster bis höchster Detailgrad)1. Sie wurden u. a. mithilfe von Praxistests mit aktuellen Überwachungskameras vollständig neu erarbeitet, wobei ein besonderes Augenmerk auf den Detailgrad bei schlechten Lichtverhältnissen und verschiedenen Kompressionsverfahren gelegt wurde. Die Pixeldichten sind in zwei Gruppen kategorisiert: low pixel density object (LDPO; Objekt mit geringer Pixeldichte) und high pixel density object (HDPO; Objekt mit hoher Pixeldichte). (vgl. [1])
Low pixel density object:
- Überblicken (engl. Overview): min. 20 ppm. Es können sich bewegende Objekte in großer Entfernung überblickt werden (z. B. Perimeterdetektion).
- Umreißen (engl. Outline): min. 40 ppm. Es kann die Bewegungsrichtung von Objekten erfasst werden.
- Unterscheiden (engl. Discern): min. 80 ppm. Es können Personen, Fahrzeuge oder Tiere unterschieden werden.
High pixel density object:
- Wahrnehmen (engl. Perceive): min. 125 ppm. Es können Einzelpersonen und Menschenmengen wahrgenommen werden. Das Geschlecht und die Eigenschaften von Menschen können noch nicht erkannt werden.
- Charakterisieren (engl. Characterize): min. 250 ppm. Personentyp, Gangart und Verhalten können charakterisiert werden. Fahrzeugtyp- und Kategorie ebenfalls.
- Identifizieren (engl. Validate): min. 500 ppm. Bekannte Personen können identifiziert, Handlungen nachverfolgt und Kfz-Kennzeichen erkannt werden. In der Regel reicht diese Stufe aus, um Personen mithilfe von automatischer Gesichtserkennungssoftware zu identifizieren.
- Begutachten (engl. Scrutinize): min. 1500 ppm. Personen können mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit identifiziert werden. Fahrzeugmodell und Herstellungsjahr können erkannt werden, Kfz-Kennzeichen können deutlich gelesen werden. Bei der Festlegung der Pixeldichte für diese Stufe hat man sich an der Pixeldichte eines Passbilds orientiert. Werden die Bilder für Fahndungszwecke genutzt, sollte der vertikale Neigungswinkel der Kamera geringer als 13° sein, da sonst zu große Verzerrungen auftreten.

Abbildung 2: Pixeldichten für verschiedene Qualitätsstufen nach EN IEC 62676-4:2025 [5]
Die Abkürzung der Stufen aus der neuen Norm und somit Nachfolger von DORI lautet folglich OODPCVS – weit weniger einprägsam.
Die Abbildungen 1 und 2 zeigen, wie diese Qualitätsstufen im Videobild aussehen und wie sie sich zwischen den Normversionen unterscheiden.
Ein kleiner Exkurs zur Identifizierbarkeit einer Person: Laut führenden forensischen Experten bei Strafverfolgungsbehörden ist eine zweifelsfreie Identifizierung einer Person, wie es in der alten Norm definiert ist, schlichtweg unmöglich. Selbst mit einer DNA-Probe – die offensichtlich viel aussagekräftiger ist als ein Video – ist eine 100 % zweifelsfreie Identifizierung nicht zu erreichen (vgl. [6]). Daher wurde in der neuen Norm die Formulierung „Personen sind mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit identifizierbar“ (vgl. [1]) verwendet. Diese Aufgabe kann bei der Qualitätsstufe Scrutinize erfüllt werden.
Die bisherige Version der Norm legt die Mindestpixeldichte der Stufe Identifizieren, bei der Personen zweifelsfrei identifiziert werden können, auf 250 ppm fest. Dies ist nach aktuellen Erkenntnissen nicht immer ausreichend, um Personen zu identifizieren, insbesondere bei schlechten Lichtverhältnissen oder wenn das Bild aufgrund von Bewegung unscharf ist. Insbesondere für eine automatisierte Bildverarbeitung mittels KI, z. B. Gesichts- oder Kennzeichenerkennung, ist eine hohe Pixeldichte entscheidend. Aufgrund dessen wird in der aktuellen Version IEC 62676-4:2025 für die äquivalente Stufe Validate eine Mindestpixeldichte von 500 ppm empfohlen. Somit muss eine Person mindestens 80 % der Bildhöhe eines Anzeigebildschirms mit 1080p-HD-Auflösung einnehmen, doppelt so viel wie in der alten Norm. Da 4K UHD die vierfache Pixelanzahl von 1080p HD besitzt, muss eine Person bei dieser Auflösung mindestens 40 % der Bildhöhe einnehmen (siehe Abbildung 3).
Für die Praxis bedeutet dies, dass Überwachungskameras, die zur Identifizierung von Personen genutzt werden sollen, über eine höhere Auflösung als früher verfügen müssen, um die Vorschriften für Personen- und Kennzeichenerkennung der neuen Norm zu erfüllen. Die Abbildung 3, welche ebenfalls in der Norm IEC 62676-4:2025 zu finden ist, zeigt, welchen Prozentsatz der Bildschirmgröße eines HD bzw. UHD-Bildschirms ein Mensch bei den verschiedenen Qualitätsstufen einnimmt.
Beispiel anhand des Lens-Calculators
Mit dem Onlinetool „CCTV Lens Calculator“ von JVSG [8] können Pixeldichte und Qualitätsstufen bei verschiedenen Objektivbrennweiten, Auflösungen und Sensorformaten von Kameras berechnet werden. Wer die verschiedenen Qualitätsstufen beider Editionen der Norm selbst vergleichen will, kann sie im Lens Calculator eingeben und sieht dort direkt, wie die Bildqualität sich ändert. Um die Auswirkungen des Sprungs von 250 ppm auf 500 ppm zur Personenidentifizierung zu veranschaulichen, folgt ein kurzes Beispiel anhand der Ergebnisse vom Lens Calculator.

Abbildung 3: Prozentsatz des HD- bzw. UHD-Bildschirms, den ein Mensch mit einer Körpergröße von 1,7 m in den verschiedenen Stufen einnimmt [6].
Dieses Szenario beobachten wir so oder ähnlich auch in unseren aktuellen Projekten, bei denen es um die Modernisierung bestehender Videoüberwachungsanlagen geht: Mit den aktuell eingesetzten Kameras sind die Anforderungen der neuen Norm in der Regel nicht zu erfüllen. Daher müssen diese Kameras entweder gegen solche mit höherer Auflösung ausgetauscht oder das gesamte Konzept der VSS inklusive Positionen, Öffnungswinkeln und Aufgaben (Begutachten/Identifizieren/Erkennen) der einzelnen Kameras neu geplant und der neuen Norm angepasst werden.
Neues Sicherheitskonzept
Neu hinzugekommen ist ebenfalls ein Sicherheitskonzept, welches in der alten Norm noch fehlte. Dort war stattdessen lediglich eine Risikobewertung vorhanden.
Ein Sicherheitskonzept ist die Grundlage für die Planung einer VSS. Der Endbenutzer/Betreiber der VSS ist für die Erstellung und kontinuierliche Aktualisierung zuständig. Grundlagen eines Sicherheitskonzepts sind eine Bedrohungsanalyse und die Definition von Schutzzielen. Das VSS soll im Sicherheitskonzept Teil einer Sicherheitsstrategie sein, welche aus folgenden drei Teilen besteht:
- Strukturelle und mechanische Maßnahmen
- Elektronische Maßnahmen
- Organisatorische Maßnahmen
Ein Sicherheitskonzept soll der folgenden Struktur folgen: Im ersten Schritt wird eine Bedrohungsbewertung vorgenommen, welche aus einer Bedrohungsanalyse und einer Täterprofilanalyse besteht. Im zweiten Schritt wird eine Risikobewertung vorgenommen, wobei Schutzziele definiert und eine Schwachstellen- und Risikoanalyse erfolgt. Daraus werden im dritten Schritt Definitionen entwickelt, wie die erkannten Risiken behandelt werden.

Abbildung4: Screenshot des JVSG-Lens-Calculators. Die Person steht 5,5 m von der Kamera entfernt und wird somit bei einer Kameraauflösung von 1920×1080 (HD, 2 MP) mit einer Pixeldichte von 250,1 ppm aufgezeichnet (kleines Bild oben rechts).
Diese Informationen helfen Betreibern von VSS bei der Definition von Sicherungsgraden sowie bei der Planung und Errichtung sicherer VSS.
Sicherungsgrade
Die Ergebnisse der innerhalb des Sicherheitskonzepts durchgeführten Risikobewertung sollten verwendet werden, um die Anforderungen an die Komponenten des VSS und an das VSS selbst festzulegen. Gegebenenfalls sollten dem VSS Sicherungsgrade zugewiesen werden. Das Prinzip der Sicherungsgrade ist eine schnelle Methode, um die Spezifikation von Sicherheitsanforderungen zu erleichtern. Die alte Norm unterschied lediglich zwischen der Definition von Sicherungsgraden für die Komponenten, Teilsysteme und Funktionen der VSS und der Definition für das Gesamtsystem.
In der neuen Norm wird die Anwendung von Sicherungsgraden strukturierter eingefordert als in der alten Version. Anhang D (informativ) enthält leicht verständliche Leitlinien und Tabellen dazu, wie Sicherungsgrade nach folgenden Maßstäben definiert werden können:
- Für das gesamte VSS,
- anhand der Anzahl der Kameras,
- anhand der Anwendung, einschließlich einer umfangreichen Liste für kritische Infrastrukturen,
- anhand der Funktionen innerhalb des VSS.
Für jede dieser Methoden werden Sicherungsgrade für die verschiedenen Szenarien und Rahmenbedingungen von VSS empfohlen.
Es ist geplant, in die nächste Version der Norm IEC 62676-4, die in circa fünf Jahren erscheinen soll, Vorschriften für kritische Infrastrukturen zu integrieren (vgl. [6]).
Betrieb von VSS
Der Betrieb, also die Phase nach der Abnahme und Übergabe einer VSS an den Betreiber, wird in der neuen Norm neu definiert. Insbesondere werden die Betriebsverfahren auf ein Niveau mit den normierten Betriebsverfahren anderer Sicherheitssysteme wie Brandmelde-, Alarm-, und Zutrittskontrollsystemen gebracht. So wird eine Vergleichbarkeit zwischen diesen Normen hergestellt. Der Betrieb eines VSS ist unterteilt in visuelle Kontrollen vor Ort einerseits und vorbeugende und korrektive Wartung sowie Verbesserungen andererseits. Dieses Kapitel enthält zudem umfangreiche Checklisten für Inspektion, Sicht- und Funktionsprüfungen vor Ort, Service und Reparatur einer VSS.
Fazit
Mit der IEC 62676-4:2025 wurde eine lange überfällige Erneuerung und Aktualisierung der wichtigsten Norm für Planung, Errichtung, und Betrieb von VSS vorgenommen. In der neuen Norm wurden die Empfehlungen an die Realität aktuell und zukünftig eingesetzter VSS angepasst. Die Anpassungen sorgen dafür, dass VSS in vielen Überwachungsszenarien effektiver arbeiten können, ermöglichen höhere Bildqualität, bessere Planbarkeit und einheitliche Betriebsstandards. Zudem wird ein effektiverer Einsatz von KI-Analysemethoden ermöglicht. Neue Leitfäden für die sicherheitstechnische Härtung von VSS tragen den Entwicklungen im Bereich Cybersecurity Rechnung. Insgesamt ein klarer Fortschritt für Planer, Integratoren und Betreiber moderner Videoüberwachungssysteme.
Die deutsche Norm DIN EN IEC 62676-4:2026-02 ist zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Artikels noch nicht veröffentlicht. Der Inhalt wird sich zur IEC-Norm nicht ändern, die deutschen Übersetzungen der Begriffe, z. B. die Bezeichnungen der Qualitätsstufen, können jedoch anders lauten als in diesem Artikel. Daher werden, sobald die Norm in deutscher Sprache verfügbar ist, alle diese Begriffe auf Richtigkeit überprüft und ggf. korrigiert.
Quellen
[1] IEC 62676-4:2025 Video surveillance systems for use in security applications – Part 4: Application guidelines
[2] IEC Webstore; IEC 62676-4; https://webstore.iec.ch/en/publication/83425; zuletzt abgerufen am 08.12.2025
[3] CENELEC; CLC/TC 79; https://standards.cencenelec.eu/ords/f?p=CENELEC:110:::::FSP_PROJECT,FSP_ORG_ID:77666,1257171&cs=12725BEF6C166D24324ECE4D9534E1CEA; zuletzt abgerufen am 08.12.2025
[4] DIN-Media Webshop; DIN EN IEC 62676-4:2026-02 – Entwurf; https://www.dinmedia.de/de/norm-entwurf/din-en-iec-62676-4/397694518; zuletzt abgerufen am 17.12.2025
[5] JVSG.com; Pixel Density, PPM and PPF in Video Surveillance; https://www.jvsg.com/pixel-density/; zuletzt abgerufen am 08.12.2025
[6] Michael Meissner; Press-Information Long Version – New release of IEC 62676-4 (Application Guidelines); 09.10.2025
[7] DIN EN 62676-4 (VDE 0830-71-4):2016-07 Videoüberwachungsanlagen für Sicherungsanwendungen – Teil 4: Anwendungsregeln
[8] JVSG.com; Lens Calculator; https://www.jvsg.com/calculators/cctv-lens-calculator/; zuletzt abgerufen am 15.12.2025
Verweis
<1> Die hier verwendeten deutschen Begrifflichkeiten sind nicht normiert und können daher in der finalen Norm anders lauten.





