aus dem Netzwerk Insider Juli 2026
Ein Wide Area Network (WAN) im Jahr 2026 ist in vielen Fällen keine in sich geschlossene, von einem einzelnen Provider betriebene Netzinfrastruktur, sondern eine Kombination aus einem Underlay und einem Overlay. Ein Underlay besteht aus physikalischen Leitungen, die im WAN-Bereich meistens von Carriern betrieben werden. Bei einem Overlay handelt sich um ein Konstrukt aus Komponenten, die unter Nutzung der Underlay-Leitungen ein logisches Netz bilden. Diese Aufteilung wirkt sich auf die Prozesse für die Beschaffung von Provider-Leistungen aus. Eine typische Auswirkung ist die Beschaffung von Underlay-Leitungen bei verschiedenen Carriern. Dabei kann ein Broker hilfreich sein, der auf das Management von Carriern spezialisiert ist.
SD-WAN als Technologietrend
An dieser Stelle bin ich schon mal auf Software-Defined WAN (SD-WAN) als Technologietrend eingegangen. Motiviert durch die zunehmende Leistungsfähigkeit und Verfügbarkeit von Internet-Leitungen einerseits und die geografischen Beschränkungen des Wirkungskreises eines einzelnen Carriers andererseits beziehen Institutionen die für ihre standortübergreifende Kommunikation notwendigen Leitungen zunehmend von verschiedenen Carriern. Was mit der Technologie Virtual Private Network (VPN) begann, wurde in der Weiterentwicklung zum SD-WAN. Mit SD-WAN wird das standortübergreifende Netz zu einer Underlay-Overlay-Kombination. Die Vorteile eines einheitlichen Netzbetriebs zum einen und der Carrier-Diversität zum anderen werden im SD-WAN zusammengeführt. Den einheitlichen Netzbetrieb mit standortübergreifenden Regeln für Routing, Quality of Service (QoS), Netzsicherheit etc. bekommt man mit den Overlay-Komponenten. Die wettbewerbsbedingten sowie aus der Carrier-Diversität resultierenden Vorteile für die Resilienz des Netzes erzielt man mit einem Underlay aus Leitungen verschiedener Anbieter.
Der SD-WAN-Trend nahm zunächst im internationalen Carrier-Markt Fahrt auf, weil international agierende Unternehmen feststellten, dass einzelne Carrier mit der Erbringung von WAN-Services in verschiedenen Ländern zunehmend technisch und wirtschaftlich überfordert sind. SD-WAN blieb jedoch nicht auf das internationale Umfeld beschränkt. Der letzte Tätigkeitsbericht der deutschen Bundesnetzagentur trägt den Titel „Mit Wettbewerb zum Binnenmarkt!“. Auch dieser Titel spiegelt den Trend zu Providerdiversität wider. Der Glasfaserausbau, der in Deutschland von verschiedenen regional und überregional agierenden Carriern realisiert wird, trägt zur Providerdiversität bei.
Vor- und Nachteile der Providerdiversität
Die wesentlichen Vorteile der Providerdiversität wurden oben kurz erwähnt. Sie ermöglicht wirtschaftliche Vorteile durch Wettbewerb. Ferner erreicht man mit Providerdiversität Vorteile hinsichtlich Ausfallsicherheit und Resilienz, weil Probleme bei einem Carrier durch andere abgefedert werden.
Die Providerdiversität hat jedoch ihren Preis. Der Aufwand für das Carrier-Management steigt mit der Anzahl der Anbieter, deren Leitungen man nutzt:
- Verschiedene Verträge müssen geschlossen und gepflegt werden.
- Die Steuerung und Kontrolle der Service-Provider wird mit ihrer zunehmenden Anzahl aufwendiger.
- Die Schnittstellen zu verschiedenen Carriern sind komplizierter als die Schnittstelle zu einem einzelnen Carrier. Als Beispiel hierfür sind die Schnittstellen zwischen den Ticketsystemen der Kunden und der Carrier zu nennen.
- Unterschiedliche technische Standards und Richtlinien verschiedener Carrier müssen unter einen Hut gebracht werden. Beispiele hierfür sind Regeln für QoS, Routing, maximale Paketlängen etc.
WAN-Broker können helfen
Um die Providerdiversität zu beherrschen, können Institutionen auf die Unterstützung von WAN-Brokern zurückgreifen. Ein WAN-Broker ist ein auf Carrier-Management spezialisiertes Unternehmen. Zu den typischen Leistungen eines WAN-Brokers gehören die folgenden:
- Der WAN-Broker entlastet den Auftraggeber durch die Übernahme der Rolle des zentralen Ansprechpartners für den WAN-Service. Der Kunde muss nicht mit Ansprechpartnern bei verschiedenen Carriern interagieren.
- Ein von den Carriern wirtschaftlich unabhängiger Broker kann den Auftraggeber fachlich zu WAN-Services beraten, damit durch die Nutzung von Wettbewerb im Markt das für den Auftraggeber optimale Ergebnis erzielt wird.
- Der WAN-Broker kann für verschiedene Kunden Leitungen bei Carriern beziehen und mit einem Skaleneffekt günstigere Konditionen erzielen.
- Bei Anforderungen bezüglich der Carrier-, Trassen- und Knoten-Diversifizierung kann der WAN-Broker Lösungen für eine kanten- und knotendisjunkte Ausführung von Leitungen sowie die Absicherung der Leistungen durch Carrier-Diversität ausarbeiten und redundante Trassenführungen verifizieren.
- Bei Lösungen, in denen mehrere Carrier involviert sind, kann der WAN-Broker die Zuständigkeit für den Service bezüglich der Gesamtlösung übernehmen.
- Durch seine Marktexpertise kann der WAN-Broker laufend eine Marktbeobachtung im Bereich der Carrier von Datenleitungen, Internet- und Cloud-Konnektivität sowie der damit zusammenhängenden Services (zum Beispiel DDoS-Mitigation) durchführen und dem Auftraggeber regelmäßig Vorschläge für die technische und wirtschaftliche Optimierung der von Carriern bezogenen Leistungen unterbreiten.
- Der WAN-Broker kann administrative Serviceleistungen übernehmen, zum Beispiel eine stets aktuell gehaltene Dokumentation der vom Auftraggeber bezogenen Leistungen, mit Zeitpunkten des Ablaufs der bezogenen Leistungen, Kündigungsfristen und Kündigungskonditionen.
- Der WAN-Broker kann Rechnungen der Carrier auf Fehler prüfen.
WAN-Markt im Umbruch
Als Beratungsunternehmen, das seit Jahrzehnten privatwirtschaftliche und öffentliche Auftraggeber bei der Ausschreibung und Beschaffung von Carrier-Leistungen berät, beobachtet ComConsult zurzeit einen Umbruch im WAN-Markt, nicht zuletzt geprägt durch die zunehmende Nutzung der Leistungen von WAN-Brokern. Solche Unternehmen können bei der Beschaffung und dem Betrieb eines Underlays aus Leitungen verschiedener Carrier einen Mehrwert bieten.
Zum heutigen WAN gehört zusätzlich noch ein Overlay, meistens bestehend aus einem SD-WAN. Auftraggeber können entscheiden, ob sie den Auftrag für Underlay und Overlay für ein WAN gemeinsam oder in getrennten Losen vergeben.




