Der Deutschland-Stack: der nächste Schritt auf dem Weg zur digitalen Souveränität?
02.02.26 / Dr. Philipp Rüßmann
aus dem Netzwerk Insider Februar 2026
Die Aufregung um Grönland und die damit verbundenen Zollandrohungen gegen Dänemark und weitere Unterstützer haben es wieder einmal gezeigt: Eine zu starke Abhängigkeit von den USA macht angreifbar, wenn nicht sogar erpressbar. Dabei ist die Abhängigkeit in der IT besonders stark ausgeprägt. Da ist es höchste Zeit, das Thema digitale Souveränität wieder hoch auf die Agenda zu setzen. Dies gilt insbesondere für den öffentlichen Sektor.
Digitale Souveränität im öffentlichen Sektor
Auch die öffentliche Verwaltung hat erkannt, dass das Thema der digitalen Souveränität wichtiger und drängender ist denn je. Doch damit Worten auch Taten folgen können, braucht es Entschlossenheit und vor allem Investments. Eine Abkehr von Microsoft und Co. bedeutet Know-how-Aufbau und anschließend die Migration des Technologie-Stacks und der damit verbundenen digitalisierten Prozesse. Nicht zuletzt ist ein gutes Change Management essenziell, um die zahlreichen User in den öffentlichen Verwaltungen und auch deren Kunden auf dem Weg nicht zu verprellen und erfolgreich mitzunehmen.
Die viel beachtete Umstellung auf mehr Open-Source-Software in Schleswig-Holstein hat gezeigt, dass dieser Prozess gelingen kann [1]. Zwar gab es auch dort Startschwierigkeiten, doch ist die Praxistauglichkeit von Open-Source-Software inzwischen anerkannt [2].
Was ist der Deutschland-Stack?
Auf Bundesebene ist der Deutschland-Stack eine vom Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung ins Leben gerufene Technologie-Plattform für die öffentliche Verwaltung in Deutschland [3]. Für die großen Digitalvorhaben des Landes soll der Deutschland-Stack einen einheitlichen strategischen Rahmen vorgeben und eine souveräne nationale Plattform bieten. Bis 2028 sollen damit iterativ konkrete Angebote für Bund, Länder und Kommunen entstehen – für solch ein großes Vorhaben ein durchaus ambitionierter Zeitplan.
Nach dem etwas holprigen Start des Deutschland-Stacks im Herbst 2025, mit berechtigter Kritik am Erstentwurf aus der ersten Konsultationsrunde, wurde nun die nächste Version mit einigen Schärfungen im Gesamtkonzept veröffentlicht [4]. Neu an Bord sind jetzt mit KI-Agenten ein ganz aktuelles Hype-Thema und dazu ein stärkerer Fokus auf Open-Source-Entwicklungen [5]. Künstliche Intelligenz soll dabei als „Enabler“ für Automatisierung dienen.
Das Thema digitale Souveränität wird in der Strategie des Deutschland-Stacks besonders hervorgehoben: Lösungen sollen nach Möglichkeit am europäischen Markt gekauft werden oder als Open Source mit offenen Schnittstellen und lokaler Datenhaltung entwickelt werden. All das sind vielversprechende Ansätze, es bleibt aber noch viel zu tun.
Wie geht es weiter?
Die aktuelle Geschwindigkeit und der neue Inhalt des Deutschlad-Stacks 2.0 ist vielversprechend. Von der Umsetzung sind wir aber noch ein gutes Stück entfernt. Ein großer Faktor der aktuellen Abhängigkeiten darf dabei nicht übersehen werden – die Cloud-Infrastruktur als technologisches Rückgrat. Der Cloud-Markt wird aktuell, auch in Deutschland, von den großen Hyperscalern aus den USA (AWS, Azure und GCP) dominiert [6]. Zwar gibt es mehr und mehr Bewusstsein und Interesse für europäische Angebote, doch gerade beim Hype-Thema KI ist der Abstand und dadurch die Abhängigkeit zu den Hyperscalern groß.
Auch wenn sich der aktuelle Zoll-Streit um Grönland zum Zeitpunkt des Verfassens dieser Zeilen entspannt hat, der nächste Knall ist wohl nur eine Frage der Zeit. Für Deutschland und Europa ist es noch ein langer Weg in Richtung digitaler Souveränität, aber mit entsprechendem Commitment und Investments kein unerreichbares Ziel. Europa muss daher lernen, besser zusammenzuarbeiten und weitere Schritte zu mehr Unabhängigkeit unternehmen. Die Gesellschaft für Informatik geht sogar so weit, dass Europa die USA bei kritischer Infrastruktur ausschließen sollte [7].
Die Entwicklungen im öffentlichen Sektor sind mitunter langsam, aber sie stellen einen nicht zu unterschätzenden Faktor für stabile Investitionen in zukunftsfähige Open-Source-Software dar – als wichtige Stütze der digitalen Souveränität. Und der Deutschland-Stack ist mit seiner Nachjustierung auf dem richtigen Weg dahin.
Verweise
[1] Open-Source-Strategie Schleswig-Holstein, https://www.schleswig-holstein.de/DE/landesregierung/themen/digitalisierung/linux-plus1/einleitung, abgerufen am 22.01.26
[2] Schleswig-Holstein: Open Source ist praxistauglich trotz Umstellungsproblemen, Heise online, 06.01.2026, https://www.heise.de/news/Schleswig-Holstein-Open-Source-ist-praxistauglich-trotz-Umstellungsproblemen-11131005.html, abgerufen am 22.01.26
[3] Deutschland-Stack, Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung, https://bmds.bund.de/themen/digitaler-staat/deutschland-stack, abgerufen am 22.01.26
[4] Deutschland-Stack 2.0: Vom abstrakten Fundament zum digitalen Betriebssystem, Heise online, https://www.heise.de/news/Deutschland-Stack-2-0-Vom-abstrakten-Fundament-zum-digitalen-Betriebssystem-11144718.html, abgerufen am 22.01.26
[5] Gesamtbild Deutschland Stack, https://deutschland-stack.gov.de/gesamtbild/, abgerufen am 22.01.26
[6] Cloud Market share 2026: Top cloud providers and trends, Holori, https://holori.com/cloud-market-share-2026-top-cloud-vendors-in-2026/#europes-shift-toward-regional-clouds-and-the-%e2%80%9ctariff-effect%e2%80%9d, abgerufen am 22.01.26
[7] Gesellschaft für Informatik: Europa soll USA bei kritischer Infrastruktur ausschließen, Golem, https://www.golem.de/news/beschaffungsmarkt-europa-soll-usa-bei-kritischer-infrastruktur-ausschliessen-2601-204525.html, abgerufen am 23.01.26





