Sicherheit von Rechenzentren in geopolitisch angespannten Zeiten – wenn die reale Welt die IT einholt
02.11.26 / Dr. Markus Ermes
aus dem Netzwerk Insider November 2026
Sichere Rechenzentren – dabei denken wohl die meisten von uns an sichere Netzwerke, Firewalls, Intrusion-Detection-Systeme und Netzwerksegmentierung. Man denkt vielleicht auch noch an Zugangskontrollen, Cages bei Colocation-Anbietern und Schlössern an den Racks.
Aber immer wieder gibt es auch Meldungen über Schäden an Rechenzentren, bis hin zur Zerstörung der Rechenzentren. Waren es bisher eher Naturkatastrophen oder Unfälle, häufen sich die Meldungen aus Russland und Westasien, dass Rechenzentren gezielt angegriffen und so stark beschädigt werden, dass der Betrieb eingestellt wird und alle dort gespeicherten Daten verloren sind.
Ich möchte diesmal die Frage stellen: Können wir aus diesen Ereignissen etwas für unsere eigenen Rechenzentren und Dienste in der Cloud lernen? Dabei werden alte Bekannte aus der Welt der Redundanz eine Rolle spielen.
Wo liegen Gemeinsamkeiten?
Groß angelegte Angriffe auf Rechenzentren in Deutschland und Europa sind glücklicherweise sehr unwahrscheinlich, aber das grundlegende Problem bleibt: Was passiert, wenn ein komplettes Rechenzentrum ausfällt? Das ist die große Gemeinsamkeit.
Und hier möchte ich zwischen einem eigenen Rechenzentrum – auch ein Colocation-Anbieter gehört in diese Kategorie – und Cloud-basierten Diensten unterscheiden.
Die Sicherheit im eigenen Rechenzentrum
Das eigene Rechenzentrum ist meistens gut beherrscht. Es gibt eine Risiko-Analyse für die verschiedenen Szenarien, die zum vollständigen Ausfall führen können. Dazu gehören zum Beispiel:
- Ein Brand im Rechenzentrum
- Ein länger anhaltender Stromausfall
- Ausfall zentraler Systeme (meistens Storage)
- Malware-Infektion, insbesondere Ransomware
Je nachdem, wie lange ein möglicher Ausfall verkraftet werden kann, gibt es unterschiedliche Maßnahmen, die die Risiken mindern können, allen voran: Backup.
Kommt man zum Schluss, dass auch ein kurzer Ausfall für das eigene Unternehmen existenzbedrohend sein kann, so kommt man in die Welt der Betriebsredundanz. Es gibt ein zweites Rechenzentrum, das den Betrieb im Falle eines Falles übernehmen kann. Dabei kommt meist ein synchron gespiegelter Storage zum Einsatz, um einen Datenverlust ausschließen zu können. Wie leistungsfähig die Hardware im zweiten Rechenzentrum sein muss, hängt davon ab, ob ein Notbetrieb ausreicht oder der zweite Standort im Notfall alle Dienste bereitstellen soll.
Sind die Anforderungen an die Redundanz noch höher, kommen wir in die Welt der Georedundanz, die laut BSI einen Abstand von 200 km (Luftlinie) erfordert. Damit ist eine synchrone Spiegelung des Storage aufgrund des Performance-Impacts nur noch in Ausnahmefällen möglich, also muss man mit dem Datenverlust umgehen. Dazu kommen noch viele weitere Anforderungen.
All das ist technisch möglich, aber kostspielig. Und eigentlich ein alter Hut. Aber wie sieht es in der Cloud aus?
Die Sicherheit in der Cloud
Cloud-Nutzung spielt mittlerweile in vielen Unternehmen eine zentrale Rolle. Ob es virtuelle Maschinen sind, auf denen eigene Software ausgeführt wird, Plattformen wie Datenbanken, SaaS-Angebote oder Sicherheitsfunktionen.
Und häufig ist die Annahme: In der Cloud sind meine Daten doch sicher, und alle Dienste sind redundant.
Hier haben uns aktuelle Meldungen zu AWS-Rechenzentren in Westasien leider eines Besseren belehrt. Ein AWS-Rechenzentrum wurde so stark beschädigt, dass Amazon die Wiederherstellung der Daten aufgegeben hat.
Ein ähnliches Ereignis hatten wir 2021 bei OVH in Straßburg. Ein Rechenzentrum geriet in Brand und hat mehrere weitere Standorte ebenfalls beeinträchtigt. Dabei wurde noch einmal bekräftigt, dass die Daten in „der Cloud“ nicht automatisch sicher sind. Kunden, die sich nicht um Redundanzen oder Backups gekümmert haben, haben ihre Daten und Dienste verloren.
Das gilt übrigens nicht nur für OVH. Auch bei anderen Cloud-Anbietern muss man gegebenenfalls darauf achten, seine Daten über mehrere Regionen zu streuen, um im Falle eines Falles noch Daten zu haben.
Und Backups in der Cloud ist auch nicht immer das, was man vielleicht denkt. Manche Backups werden nur 72 h vorgehalten und liegen in dem Rechenzentrum, in dem der zu sichernde Dienst läuft. Also sollte man auch hier einen Plan B haben.
In der Cloud gibt es zusätzlich noch einen Aspekt, der gerne übersehen oder sogar verdrängt wird: Die Abhängigkeit von einem einzelnen Unternehmen. Gerade in der aktuellen geopolitischen Lage ist es nicht auszuschließen, dass bestimmte Dienste – insbesondere solche, die als technologisch extrem fortgeschritten gelten – auf Geheiß von Regierungen eingeschränkt werden. Auch hier gibt es leider schon Beispiele.
Der oben erwähnte Plan B sollte also nicht nur ein Backup beinhalten. Schließlich nutzen mir die besten Daten nichts, wenn ich keinen Zugriff auf die Anwendung habe, mit der ich sie lesen kann. Stattdessen sollte man, wo möglich, portable und nicht Anbieter-spezifische Dienste nutzen. Das ist leider nicht immer möglich, man sollte sich dessen aber bewusst sein.
Fazit
Die aktuelle geopolitische Situation führt uns auch im Bereich der Rechenzentren verschiedene Risiken vor Augen. Das bedeutet nicht, dass wir unsere Rechenzentren demnächst panzern müssen. Aber man sollte sich noch einmal mit den Risiken für die eigene Infrastruktur beschäftigen und insbesondere die Abhängigkeit von Cloud-Diensten noch einmal evaluieren.





