aus dem Netzwerk Insider Oktober 2026
IT-Fachkräfte werden unaufhaltsam älter. In der Anzahl der in den Ruhestand wechselnden Experten können die meisten Institutionen im Moment keinen Nachwuchs organisieren. Gleichzeitig nimmt der Umfang der IT-bezogenen Aufgaben in den meisten Organisationen zu. Vielen Unternehmen und Behörden bleibt nur die Auslagerung von Aufgaben. Stichwort: „Reduzierung der Fertigungstiefe“. Im Bereich Rechenzentren gibt es dazu verschiedene Varianten.
Hier möchte ich darauf eingehen, welche Art RZ-Auslagerung für eine bestimmte Organisation die passende ist. Oder um etwa Modeberater-Gazetten nachzusprechen: Welcher RZ-Auslagerungstyp bin ich?
Gesamtumfang von RZ-Leistungen
Der Gesamtumfang von RZ-Leistungen lässt sich zusammengefasst in folgende Kategorien einteilen:
- Infrastruktur („grobe Technik“): RZ-Fläche, Energieversorgung, Kühlung, physikalische Sicherheit
- Physikalische IT-Komponenten: Server, Storage, Switches, Firewalls, Load Balancer, Datennetzzugänge
- Virtuelle IT-Komponenten: Server, Storage, Switches, Firewalls, Load Balancer, virtuelle Netzzugänge
- Applikationssoftware: Images und Updates für Front End, Applikation, Datenbank
- Applikationsmandant: Benutzer- und Gruppenverwaltung, Identitätsmanagement, Zugriffsregeln
Die oben genannten Kategorien bauen aufeinander auf: Ein Applikationsmandant ist auf die Bereitstellung der Software angewiesen; für die Software-Bereitstellung braucht man virtuelle IT-Komponenten wie Server und Storage; diese werden auf Basis physischer Geräte realisiert; die physischen IT-Komponenten („feine Technik“) brauchen eine Infrastruktur („grobe Technik“).
Je mehr man von den fünf genannten Leistungsgruppen auslagert, desto weniger Aufgaben verbleiben für den Auftraggeber.
Housing oder Hosting?
Die Begriffe Housing und Hosting werden immer wieder für RZ-Auslagerung verwendet, zum Beispiel in einem Beitrag meines Kollegen Oliver Flüs. In der Regel versteht man unter Housing Leistungen im Bereich der groben Technik, während Hosting zusätzlich zur groben Technik auch die physischen IT-Komponenten umfasst.
Hosting könnte man auch als Synonym für Infrastructure as a Service (IaaS) verwenden. Deshalb beginnt spätestens mit Hosting auch die Domäne der Cloud-Leistungen, für die bekanntlich drei Hauptkategorien genannt werden:
- Infrastructure as a Service (IaaS): Dabei stellt der Provider die grobe und feine Technik, d.h. die Gebäudeinfrastruktur und die physischen IT-Komponenten. Alles, was die physischen IT-Komponenten nutzt, beginnend mit virtuellen Servern bis zum Software-Betrieb, obliegt dem Auftraggeber.
- Platform as a Service (PaaS): Zusätzlich zur groben und feinen Technik stellt der Provider auch IT-Instanzen wie zum Beispiel Datenbanken oder Container-/Kubernetes-Umgebungen, die der Kunde für die Entwicklung bzw. Bereitstellung eigener Software nutzen kann.
- Software as a Service (SaaS): Der Provider stellt die fertige und nutzbare Applikation bereit. Der Kunde muss nur noch für die Nutzung der Software eigene Benutzer und Gruppen anlegen, deren Berechtigungen verwalten, bestimmen, wie sie sich authentisieren etc.
Auslagerung über SaaS hinaus, wie zum Beispiel Applikationssupport für Benutzer, ist in der Regel keine Cloud- oder RZ-Leistung mehr und fällt in den Bereich von IT-Outsourcing.
Wie bleibt man trotz Auslagerung digital souverän?
Bis vor wenigen Jahren haben sich die wenigsten Organisationen Gedanken über digitale Souveränität gemacht. Mittlerweile wäre dies fahrlässig. Nicht erst der Eintritt des schlimmsten anzunehmenden Szenarios würde eine Organisation schmerzhaft treffen. Neben dem Worst Case wie beispielsweise Abschaltung bestimmter Dienste durch einen anderen Staat geben auch Fälle Anlass zum Nachdenken, die bereits eingetreten sind, etwa schmerzhafte Preiserhöhungen.
Insofern sind Bedenken angebracht, wenn man eine sehr häufig angewandte RZ-Auslagerung betrachtet, die etwa heißt: Gehen wir in die Cloud. Und mit der Cloud ist „XaaS“ gemeint, mit möglichst vielen Funktionen und Komfortmerkmalen, die man bisher bei deutschen oder europäischen Anbietern vermisst.
Viele öffentliche Auftraggeber haben zu Recht die RZ-Auslagerung in Form der Flucht in die Cloud vermieden. Wie sieht es jedoch mit Unternehmen aus, die teilweise kritische Infrastrukturen wie Energieversorgung betreiben? Müssen sie nicht an digitale Souveränität denken?
Bis einschließlich Housing ist RZ-Auslagerung möglich, ohne dass man auf Nicht-EU-Anbieter zurückgreift. Sobald man jedoch in die Cloud-Domäne kommt, begibt man sich auf dünnes Eis. Die meisten mir bekannten XaaS-Szenarien sind nicht unter Berücksichtigung der digitalen Souveränität entstanden.
Die gute Nachricht: Eine Reihe mir bekannter Housing-Anbieter aus Europa nehmen nun auch Hosting-Services in Betrieb oder verbessern ihr bereits bestehendes Hosting-Portfolio so, dass sie im Vergleich zu den nichteuropäischen Angeboten nicht schlecht abschneiden.
Wie erzielt man schnelle Erfolge?
Digitale Souveränität ist nur eines der Kriterien, die bei der Wahl der Variante der RZ-Auslagerung zu berücksichtigen sind. Den Hauptzweck der Auslagerung darf man nicht aus dem Blickfeld verlieren: Die RZ-Auslagerung dient dazu, die Fertigungstiefe zu einem für eine spezifische Institution spürbaren Maß zu reduzieren. Die Begebenheiten sind in jeder Institution anders, zum Beispiel:
- Was ist das Kerngeschäft der Organisation?
- In welchen Bereichen hat die Organisation die größten Personalengpässe oder wird absehbar solche erfahren?
- Wie will sich eine Organisation bezüglich Personalpolitik (Quantität, Schwerpunkte) entwickeln?
- Wie wirkt sich das geografische und tarifliche Umfeld einer Organisation auf die Chancen aus, eigenes Personal auszubilden, zu beschäftigen und zu behalten?
Die Antworten verschiedener Institutionen auf die oben genannten Fragen fallen unterschiedlich aus. Einen schnellen Erfolg kann man zum Beispiel erzielen, indem man mit einer gezielten Auslagerung für einen absehbar ausscheidenden Mitarbeiter, der seine Expertise in einem bestimmten Bereich wie zum Beispiel Elektrotechnik hat, keinen Nachwuchs mehr organisieren muss.
Fazit
Eine pauschale Empfehlung eines bestimmten RZ-Auslagerungsmodells, das für alle denkbaren Institutionen gelten soll, kann es nicht geben. Dazu sind die für die RZ-Strategie maßgebliche Ausgangslage und die Prioritäten bei jeder Organisation zu spezifisch. Trotzdem wage ich an dieser Stelle die Aussage, dass die meisten Institutionen einen Kern von Aufgaben rund um das Rechenzentrum mit eigenem Personal durchführen müssen. Meistens beginnt der beste Weg zur Auswahl der RZ-Strategie mit einem ersten Schritt, welcher der Bestimmung jener Felder gehört, um die man sich langfristig mit eigenem Personal kümmern will (und realistischerweise kann).




