Kostenschätzungen für Rechenzentrums-Infrastruktur in Zeiten steigender RAM-Preise
02.09.26 / Dr. Markus Ermes
aus dem Netzwerk Insider September 2026
Ich habe bereits darüber geschrieben – so wie auch Dr. Moayeri in seinem Beitrag (https://www.comconsult.com/massive-kostensteigerungen-durch-teurere-hardware/). Die Aussichten waren und sind nicht unbedingt rosig: Preise für Arbeitsspeicher und SSDs, egal ob im Privat- oder Unternehmensumfeld, kennen aktuell nur eine Richtung, und zwar: nach oben!
Glücklich ist darüber, mit Ausnahme der Speicher-Hersteller, wahrscheinlich niemand. Die Situation bedeutet bei Beschaffungen aktuell deutlich höhere Preise, geringere Verfügbarkeit, längere Lieferzeiten und fast schon unverschämt kurze Preisbindungen. Es ist mir in Projekten schon begegnet, dass die Preisbindung bei einer Ausschreibung kürzer war als die Stillhaltefrist, die bis zur Beauftragung einzuhalten war.
Langfristige Planungen
Es gibt allerdings auch Projekte, in denen die aktuellen Preisentwicklungen zwar ärgerlich sind, die eigentliche Problematik aber an ganz anderer Stelle liegt: Immer wieder unterstützen meine Kollegen und ich bei der Planung von Rechenzentren (RZs). Die richtige Planung eines RZs ist eine Herausforderung, auch was die Dauer angeht. Ein RZ plant man nicht von heute auf morgen! Und wenn die Planung steht, gehen die zeitaufwendigen Arbeiten erst richtig los: Alle Phasen der HOAI müssen betrachtet und ausgeführt werden. Was aus eigener Erfahrung schon bei einem privaten Bauprojekt lange dauern kann, inklusive möglicher Verzögerungen, ist im Umfeld von Rechenzentren mindestens ebenso kompliziert. So kommt es in Projekten schonmal vor, dass mit der Fertigstellung eines RZs erst in acht bis zehn Jahren gerechnet wird.
Die Schnelllebigkeit der IT
Acht bis zehn Jahre sind in der IT nach wie vor eine Ewigkeit. Ich kann derzeit nicht abschätzen, was in einem RZ in acht Jahren Standard sein wird. Natürlich: Server werden schneller, SSDs größer und die Netzleistung wird zunehmen. Im Allgemeinen bleiben bei der für den jeweiligen Zeitpunkt gleichwertigen Leistung auch die Preise relativ konstant. Die Inflation spielte zwar schon immer eine Rolle, weshalb ein entsprechender Puffer eingeplant werden muss. Dieser Aspekt ist jedoch beherrschbar.
Es kann aber in acht Jahren bereits eine neue Technologie geben, die heute niemand auf dem Schirm hat. Wer hätte sich – außer KI-Forschern sowie Unternehmen und Universitäten mit Supercomputern – vor 10 Jahren träumen lassen, welche Leistungsdichte und welchen Kühlungsbedarf moderne KI-Server haben? Flüssigkühlung? Brauchen doch nur Gamer und Supercomputer!
NVIDIA hat bereits angekündigt, dass die nächste Generation ihrer KI-Systeme eine Wasserkühlung voraussetzt. Und auch die großen Server-Hersteller bieten Systeme mit Wasseranschluss an. Hätten oder haben Sie vor acht Jahren für ein Rechenzentrum eine Wasserversorgung für Racks eingeplant?
Ebenso entstehen durch das Open Compute Project (OCP) neue Optionen für Racks und Komponenten, inklusive neuer Formfaktoren. Wird sich hier in den nächsten Jahren noch etwas verändern? Mit Sicherheit! Wird es für ein Rechenzentrum relevant sein? Das hängt vom jeweiligen Einsatzszenario ab.
Wie viel werden die aktiven Komponenten und Server in acht Jahren kosten?
Ein Rechenzentrum, egal wie gut geplant und wie modern, ist ohne aktive Komponenten nur eine teure, klimatisierte leere Halle. Daher muss man, zumindest bei einem selbst genutzten RZ, immer überlegen, wie viel das „Befüllen“ der Fläche kosten wird. Cages, Racks, Verkabelung etc. sind dabei glücklicherweise preislich relativ stabil. Besonders bei Servern (wegen des RAMs) und Storage (wegen der SSDs) wird es aktuell jedoch wirklich schwierig. Die RAM-Preise haben sich in den letzten Jahren, seit der Veröffentlichung von ChatGPT, vervielfacht. Und es wird wahrscheinlich noch einmal teurer werden. Experten gehen davon aus, dass Arbeitsspeicher bis Ende 2027 nochmals eine Preiserhöhung von über 200 % erfahren werden. Auch SSDs werden immer teurer. Für Ende 2027 wird eine Entspannung der Lage erwartet, weil neue Produktionslinien an den Start gehen sollen.
Wie viel oder wenig das bringt, hängt ebenso von der Entwicklung im Bereich KI ab. Steigt der Bedarf weiter und wird immer mehr KI genutzt (und verkauft), werden sich die Preise wahrscheinlich nicht deutlich verringern. Wenn die KI-Blase platzt (siehe auch https://www.comconsult.com/werden-sich-die-ki-investitionen-lohnen/), wird es ein deutliches Überangebot geben, und die Preise werden stark fallen.
Fazit
Was bedeutet das alles für den Markt in acht bis zehn Jahren? Ich kann es Ihnen leider nicht sagen. Daher ist es meiner Meinung nach sinnvoller, bei der Kostenschätzung vorsichtig zu sein und lieber eine höhere Summe zu veranschlagen. Natürlich muss man sich bei Nichteintreten der Prognose die Frage gefallen lassen, warum man sich so stark verschätzt hat. Und man kann sich hier nur irren. In diesem Fall ist es meiner Meinung nach besser, höher geschätzt zu haben und am Ende weniger ausgeben zu müssen als umgekehrt. Wenn Sie in ein paar Jahren die Frage beantworten müssen, warum Ihre Schätzung deutlich zu hoch war, bietet Ihnen dieser Artikel hoffentlich ein wenig Munition für die Antwort.




