Ich erinnere mich noch gut an das erste Mal, als ich mich mit ChatGPT unterhalten habe: dieser Wow-Effekt. Ich glaube, vielen ging es so: Man konnte spüren, dass gerade etwas Großes, Neues entstand, mit dem Potenzial, unsere Welt auf den Kopf zu stellen. Dieser Effekt wiederholte sich mehrmals: als mir zum ersten Mal Code generiert wurde oder die Internetsuche die Qualität von Recherchen deutlich verbesserte. Seitdem beschäftige ich mich intensiv mit den Werkzeugen und bin trotzdem immer wieder fasziniert von den Ergebnissen. Das ist die eine Seite.
Auf der anderen Seite bin ich zunehmend genervt von Berichterstattung, Marketing und dem Buzzword-Bingo, wann immer es um das Thema „KI“ geht. Da gab es von Anfang an eine riesige Diskrepanz zwischen dem, was versprochen, fantasiert und orakelt wurde, und dem, was tatsächlich möglich ist. Immer wieder geraten wir in Diskussionen über starke künstliche Intelligenz oder Superintelligenz und wie nah wir doch schon daran sind – befeuert von Akteuren, die von dem Feuerwerk an den Aktienmärkten profitieren. Inzwischen sind viele dieser Prognosen bereits abgelaufen, und ich finde, es ist Zeit, auf den Boden der Tatsachen zurückzukehren.
Lassen wir die Gefühle doch einmal beiseite und betrachten, was wir bislang erreicht haben:
- Es gibt eine Menge Chat-Bots, die man fantastisch für Recherchen und die Aufbereitung von Wissen verändern kann. Für viele sind sie sogar zur Ergänzung oder zum Ersatz der Internet-Suchmaschine geworden. Mit etwas Wohlwollen kann man das bereits disruptiv nennen, allerdings sollte man bedenken, dass sich für die meisten Menschen noch nicht allzu viel verändert hat.
- Das Internet füllt sich spürbar mit generierten Inhalten: Texte, Bilder, Videos, Kommentare. Vieles nervt bislang eher, als dass es nutzt, doch es gibt noch Luft nach oben.
- Ich selbst arbeite in einem Feld, in dem KI nicht nur totaler Hype ist, sondern auch messbare Mehrwerte liefern kann: dem Contact Center. Hier können Chat- und Voice-Bots Anliegen vorqualifizieren oder komplett selbständig lösen, es können hervorragende Zusammenfassungen, Berichte und Bewertungen erstellt und Menschen nicht nur ersetzt, sondern auch unterstützt werden. Trotz allem lässt sich hier sehr gut erkennen, dass es sich um dedizierte Werkzeuge handelt, die ganz bestimmte Aufgaben lösen. Und bis menschliche Arbeit eingespart werden kann, ist in den meisten Fällen zunächst eine gehörige Portion menschliche Arbeit reinzustecken.
Doch kommt uns gerade der letzte Punkt nicht irgendwie bekannt vor? Das ist der altbekannte Tradeoff der ganz gewöhnlichen Automatisierung: Wenn eine bestimmte Menge Aufwand in eine Aufgabe investiert wird, kann damit künftig hoffentlich eine größere Menge Aufwand eigespart werden.
Tatsächlich geht es auch unter dem Banner der KI in den meisten Fälle um ganz gewöhnliche Automatisierung, häufig noch mit zugehöriger Digitalisierung. Das Ganze wird dann als Künstliche Intelligenz verkauft, weil das nun mal im Moment einfach besser ankommt. Ob im Ergebnis tatsächlich Methoden der Künstlichen Intelligenz (wie war noch gleich die Abgrenzung?) verwendet werden, sollte uns eigentlich ziemlich egal sein. Was zählt, ist das Ergebnis, nicht das Werkzeug. Und ja, zum Ergebnis gehört natürlich auch, ob jemand (und wer) Zugang zu unseren Daten bekommt.
Was bleibt also bislang von der KI? Faszinierende Systeme mit ungeahnten Möglichkeiten. Ungeahnt, weil ich glaube, dass die besten Anwendungsfälle noch gar nicht sichtbar sind. So ähnlich war es damals in der Dotcom-Blase: Jeder ahnte (zu Recht!), dass das Internet eine große Sache wird. Aber wie genau das aussehen würde, welche Anwendungsfälle, Ideen und Firmen durchstarten würden, wusste niemand. Es waren im Kern nicht die Infrastruktur oder Betreiber, sondern vielmehr die Ideen, die noch keiner kannte: Menschen verknüpfen, Bücher verkaufen, digitale Flohmärkte und jede Menge Werbung.
Ich bin der festen Überzeugung, dass es diesmal ganz ähnlich verlaufen kann. Tatsache ist allerdings auch: Niemand weiß, wie es weitergeht oder wo das Potenzial der neuen Ansätze tatsächlich liegt. Laufen wir – wie in den vergangenen KI-Hype-Zyklen auch – deutlich früher als gedacht gegen eine Mauer, oder kommt noch viel mehr, als wir uns aktuell überhaupt ausmalen können? Das ist doch ein fantastischer Nährboden für jede Menge Meinungen.




