Drohender Datenverlust beim Cloud-Exit oder -Wechsel

16.06.2019 / Markus Schaub / IT-Berater

Im Rahmen des Falles Huawei kam bei internen Diskussionen auch das Thema Cloud auf: inwiefern können politische Entscheidungen jederzeit die eigene Public-Cloud-Lösung gefährden? In diesem Artikel soll es aber nicht um die vieldiskutierte Frage des Datenschutzes vor dem Zugriff „fremder Mächte“ gehen, und auch Huawei spielt keine weitere Rolle. Vielmehr geht es um die grundsätzlichere Frage: kommt man mit seinen Daten eigentlich verlustfrei wieder aus der Cloud raus? 

Die Gefahr, dass man mit seinen Cloud-Daten plötzlich ohne Cloud-Anwendung dasteht, ist nicht hypothetisch, sie ist sehr real und gar nicht mal so selten. Betroffen davon sind alle Formen der Cloud, egal ob IaaS, PaaS, SaaS oder XXaaS.  

Gründe eine Cloud zu verlassen

Ein paar Beispiele: 

  • Wer erinnert sich noch an Google Wave? Im April 2009 angetreten, um die digitale Kommunikation zu revolutionieren und das Ende der E-Mail einzuläuten, rund drei Jahre später wurden die Server abgeschaltet. Die User bekamen vorher den Hinweis, ihre Daten zu sichern. Bei der einzigartigen Daten- und Kommunikationsstruktur von Wave kein einfaches Unterfangen. Ich erinnere mich da an eine freischaffende Web-Entwicklerin, die alle ihre Partner nötigte auf Wave umzusteigen. Die dort getroffenen Absprachen dürften weg sein. 
  • Ein weiteres Beispiel aus demselben Hause ist Google+: Start 2011, Datenpanne 2018, eingestampft 2019. Auch hier gab es vorher den Hinweis an den User, seine Daten zu sichern. Es gab sogar Tools dafür. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass es Google+ für Kunden von G Suite weiterhin gibt.
    Bei Google+ konnte man Brand-Konten anlegen. Diese waren dafür gedacht, ein Produkt, ein Angebot oder eine Firma zu bewerben, indem man wie bei einem User-Konto kontinuierlich Informationen bereitstellte. Man konnte andere Dienste wie YouTube in den Kanal integrieren. Außerdem war es möglich, mit anderen, die einem folgten, direkt in Kontakt zu treten. Stellen Sie sich nun vor, die Brand-Funktion von Google+ wäre ein wichtiges Marketing-Instrument für Ihr Unternehmen. Da nutzt Ihnen nicht mal die Sicherung von Daten besonders viel, wenn der Kommunikationskanal zu einem mühsam aufgebauten Interessentenkreis plötzlich weg ist.

  • Dass nicht nur SaaS, sondern auch PaaS betroffen ist, zeigt das Beispiel Microsoft Azure: dort fielen am 31.05.2016 die vorher verfügbaren „Oracle DB-Images mit nutzungsbasierter Bezahlung“ weg. Bedenkt man, dass Datenbanken meist ein zentrales Element von Online-Anwendungen sind, schon ein Hammer. Klar, der Ausfall ist grundsätzlich einfach aufzufangen, sind doch nur die vorgefertigten Images betroffen und man kann selbst eine VM aufsetzen und Oracle installieren. Nichtsdestotrotz zeigt dieser Fall, wie schnell auch bei einem der großen Cloud-Anbieter Funktionen einfach aufgekündigt werden können. Nicht alle Funktionen können derart einfach aufgefangen werden. 
  • Im Oktober 2007 startete der amerikanische Cloud-Storage-Anbieter Nirvanix. Im Oktober 2013 verschwand er im fast namensgleichen Nirwana in Form der Insolvenz wieder. Die Kunden bekamen zunächst 15 Tage (!) Zeit, ihre Daten zu sichern. Diese Frist wurde einmalig um weitere 15 Tage verlängert. Das heißt für Kunden: man hat zwei Wochen Zeit, um einen neuen Anbieter zu finden und die Daten dorthin zu transferieren. Wer so etwas schon mal gemacht hat weiß, dass das nicht so einfach ist, wie es zunächst klingt. 
  • Ein selbst erlebtes Beispiel zeigt, dass noch nicht mal Daten zwischen zwei Instanzen desselben Anbieters in jedem Fall transferiert werden können. Als im April dieses Jahres die ComConsult Beratung und Planung mit der ComConsult Research verschmolz, wollten wir unsere beiden Microsoft-Teams-Accounts zusammenführen. Nach einigem Hin und Her war die Lösung am Ende, einen Account stillzulegen, die Dateien händisch zu kopieren und die wichtigsten Beiträge mit Copy & Paste zu „migrieren“. Nur gut, dass die ComConsult Research relativ wenig Mitarbeiter hatte und Teams noch nicht so lange nutzte. So hielt sich die Datenmenge in den Persistent Chats noch im Rahmen. Außerdem waren wir seit der Migration von Slack zu Teams und von Box zu SharePoint geübt im Migrieren von Daten und Chats. 

Datenverlust bei Cloudwechsel

Häufig droht bei dem Weg aus der Cloud oder zu einem anderen Cloud-Anbieter irgendeine Form von Datenverlust. Nehmen wir das letzte Beispiel: die Migration der Dateien von Box zu SharePoint. Da mag man auf den ersten Blick denken, dass das Verschieben von Dateien verlustfrei über die Bühne gehen sollte. Doch Cloud-Dienste zeichnen sich oft dadurch aus, dass sie irgendwelche Mehrwerte bieten. Bei den Storage-Anbietern ist das neben vielen anderen Zusatzleistungen eine Versionierung. Bearbeitet man bspw. ein Worddokument und stellt am Tag später fest, dass die Ideen des Vortages doch nicht so toll waren, kann man das Dokument vor den Änderungen wiederherstellen. Zugegeben, diese Funktion braucht man eher selten, der Fall kommt aber durchaus vor. Beim Transfer dieser Worddatei von einem Storage-Provider zu einem anderen verliert man die Versionierung, man kopiert nur die letzte Version. Bei Licht betrachtet, ist das ein Datenverlust. 

Ein anderes Beispiel für eine Zusatzfunktion ist die Möglichkeit, zu beliebigen Dateien Diskussionen zu führen. Die erste Frage bei der Migration wäre, ob der neue Anbieter das überhaupt unterstützt, die zweite, wie man die alten Diskussionen retten kann. Mittels eines FTP-Transfers der Dateien von einer Cloud zur anderen sicher nicht. 

Fazit

Fassen wir mal zusammen: 

  • Es gibt viele Gründe, eine Cloud verlassen zu müssen.
  • Einzelne Cloud-Dienste können jederzeit vom Provider aufgekündigt werden. 
  • Selbst bei scheinbar einfachen Fällen droht beim Exit Datenverlust. 

Bevor man also in die Cloud geht, muss man sich schon Gedanken dazu machen, wie der Cloud-Exit aussieht. Dabei muss man sich klar machen, dass es DIE Exit-Strategie nicht gibt. Vielmehr muss man für jeglichen Typ von Daten (Mail, Chat, Dateien, Datenbanken, u.v.m.) einen Plan erstellen. Das heißt aber auch, dass es keine einmalige Sache ist, sich damit zu beschäftigen, sondern bei jedem neuen Cloud-Projekt muss die Entwicklung eines Notfallplanes mit auf der Tagesordnung stehen. 

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