aus dem Netzwerk Insider Mai 2026
Über viele Jahrzehnte hinweg spielte die visuelle Prüfung von Glasfaseranschlüssen als Leistung des Installateurs oder Elements des Abnahmeprozederes keine oder nur eine sehr untergeordnete Rolle. Bei der Qualitätsprüfung einer installierten Glasfaserverkabelung stand neben der groben visuellen Kontrolle der handwerklichen Qualitäten vor allem die Messung der Strecken im Vordergrund. Fielen diese Messungen positiv aus, galt in der Regel als gesichert, dass die Strecken auch langfristig zuverlässig funktionieren. Zwar war bekannt, dass die Sauberkeit und Unversehrtheit der Glasfaseranschlüsse, insbesondere der Ferrulen, für die nachhaltige Nutzung der Anschlüsse wichtig sind, doch sollte diese Funktionalität durch die Messung automatisch mit abgedeckt und abgesichert werden. In den letzten 5-10 Jahren jedoch haben sich einige Standards diesem Thema zunehmend gewidmet – teils nur in empfehlender, teils auch in verbindlicher Form. Dies hat dazu geführt, dass man sich im Rahmen der Fachplanung und insbesondere bei der Erstellung von Leistungsverzeichnissen und Pflichtenheften mit der Frage auseinandersetzen muss, ob eine Mikroskopie als Prüfelement fest vorgeschrieben werden soll oder nicht. Auch in der Betriebsphase ist zu entscheiden, ob eine dauerhafte Mikroskopie der in den Rangierfeldern eingebauten Ferrulen oder der beigestellten Patchkabel ein fester Bestandteil des Betriebsprozesses sein soll, was letztlich auch die Anschaffung eines Mikroskops beeinflusst. Im nachfolgenden Artikel werden die Methoden beschrieben, die Empfehlungen der wichtigsten Standards wiedergegeben, Praxisbeispiele aufgeführt und Ansätze für den Umgang mit dieser Prüfart vorgestellt.
Sinn und Zweck
Eine optische Verbindung zweier über eine Kupplung oder ein Mittelstück verbundener Glasfaserstecker besteht darin, dass die Steckerstirnflächen einen sehr präzisen Glas-zu-Glas-Übergang ohne Luftspalt bilden (daher der Begriff „PC“ = physical contact). Der mit Abstand größte Teil der sich berührenden Fläche ist der Körper der Ferrule (z.B. Keramik). Bei einem SC-Stecker beträgt der Ferrulendurchmesser 2,5 mm und bei einem LC-Stecker 1,25 mm. Im Vergleich dazu ist der Manteldurchmesser der Glasfaser 125 µm und der Kerndurchmesser 9 µm oder 50 µm, also deutlich kleiner und besitzt damit eine wesentlich kleinere Fläche. Die gesamte Steckerstirnfläche kann beschädigt oder verschmutzt sein. Diese Beeinträchtigungen außerhalb des Kernbereiches wirken sich nicht auf die Glasfaserverbindung aus – zumindest geht man davon aus.

Abbildung 1: Verschmutzte Ferrule
Doch leider trifft das nicht in jedem Fall zu. Kratzer auf der Ferrule außerhalb des Glasfasermantelbereichs sollten sich tatsächlich nicht auf die Übertragung auswirken, aber bei Schmutz ist das anders. Schmutz in Form von Staub oder Schmiere kann sich z.B. bei Wechsel des Anschlusses von einer Verbindung auf die nächste übertragen (= kontaminieren) und damit das Risiko erhöhen, dass Verunreinigungen in den kritischen Bereich gelangen. Eine stärkere Verschmutzung oder eine dicke Schmutzschicht kann zudem verhindern, dass die beiden Ferrulen einen Kontakt ohne Luftübergang haben und somit äußerst schlecht für die Verbindung bzw. Übertragung sind.
Damit stellen sich die ersten grundlegenden Fragen: Hat das tatsächlich Auswirkungen und wenn ja, welche? Und rechtfertigt dieser mögliche Einfluss überhaupt den zusätzlichen Prüfaufwand (darauf wird später noch näher eingegangen)?
In jedem Fall erscheint es plausibel, dass eine direkte Beeinträchtigung des Kernbereiches zu einer Verschlechterung der Übertragungseigenschaften führt. Bei der Suche nach praktischen Erfahrungen zu den Auswirkungen solcher Beeinträchtigungen kommt der Autor zu folgenden Rechercheergebnissen:
- Es gibt zahlreiche Internetseiten, die auf die Gefahr einer Verschlechterung der Rückfluss- und Einfügedämpfung hinweisen. Einige renommierte Hersteller von Messgeräten gehen davon aus, dass dies die häufigste Ursache für fehlerhafte oder nicht funktionsfähige Übertragungsstrecken ist – mit einem Anteil von mehr als 70 % der Fehler. Eine Studie des NTT Advanced Technology nennt sogar einen Wert von 80 % (siehe [1]).

Abbildung 2: Perfekte MMF- und SMF-Ferrule
- Konkrete Aussagen zur Wirkung gibt es nur wenige, Komplettausfälle (bzw. nicht zustande kommende Links) werden genannt, aber ob z.B. ein grundsätzlich aufgebauter Ethernet-Link bei leicht verschmutzter Fläche eine höhere Bitfehlerrate aufweist, ist im Rahmen der Recherchen nicht feststellbar. In einem Whitepaper, veröffentlicht auf einer Konferenz der SIGCOMM (Association for Computing Machinery Special Interest Group), wird von einer Paketfehlerrate von 17 bis 57 % gesprochen (siehe [1]).
- Eine unmittelbare Korrelation von beeinträchtigten Kernbereichen zu schlechten Pegel- oder Reflexionsmesswerten ist nicht zu finden. Demzufolge kann es also auch sein, dass man eine Verschmutzung durch eine Messung entdecken kann, ohne ein Mikroskop haben zu müssen. Natürlich zeigt eine schlechte Dämpfung nicht automatisch an, ob die Ursache der Schmutz ist – dazu benötigt man wiederum ein Mikroskop.
Doch lassen sich die tendenziell eindeutigen Rechercheergebnisse nicht direkt auf den erlebten Beratungs- und Planungsalltag des Autors übertragen. Hier sieht es anders aus: Bei vielen Installationen gibt es keine derartigen negativen Erfahrungen im Betrieb der Glasfaserverbindungen, sodass die Kunden der Mikroskopie von festinstallierten Steckern oder Patchkabeln keine besondere Aufmerksamkeit schenken. Als fehlerhaft deklarierte Strecken zeigen zumeist Symptome wie einen nicht funktionierenden Link, sehr selten einen „schlecht“ funktionierenden Link (z.B. mit erhöhter BER). Diese Fehler werden mit Messgeräten lokalisiert (zumeist anhand schlechter Dämpfung), gefolgt von einer Reinigung der Verbindungsstellen – was natürlich nur eine Verschmutzung jedoch keine Beschädigung beseitigt. Die visuelle Prüfung der Strecken erfolgt äußerst selten.
Hier ein selbst erlebtes Beispiel, wie eine Mikroskopie auf ein Grundproblem hingewiesen hat: Im Rahmen einer Abnahmemessung von mehreren hundert Fasern in einem Rechenzentrum wurde mit dem eingestellten Messverfahren zunächst allen Strecken ein „passed“ bestätigt (Pegelmessung mit Grenzwerten nach EN 50173-1). Nachdem die Grenzwerte im Gerät anschließend gemäß den Projektanforderungen verschärft und eine Neuzertifizierung durchgeführt wurde, fielen rund 30 % der Strecken aufgrund von fehlerhafter Einfügedämpfung durch. Erste Mikroskop-Aufnahmen zeigten, dass Staub die Ursache für diese „failed“-Strecken war, entstanden durch nicht abgesprochene Bohrarbeiten im Serverraum nach der Installation der Glasfaserverkabelung, die zu der Verschmutzung geführt hatten. Alle betroffenen Strecken mussten gesäubert und neu gemessen werden. Hätte man unmittelbar vor den Messungen eine Videomikroskopie durchgeführt (wozu der Installateur nicht verpflichtet war), hätte zumindest die Neumessung vermieden werden können.
Es ist zu vermuten, dass sich die fehlerhaften Strecken unter Umständen dennoch hätten in Betrieb nehmen lassen, sofern das verwendete Übertragungsverfahren beispielsweise ein sehr „großzügiges“ Dämpfungsbudget erlaubt hätte. Probleme wären dann erst Jahre später beim Wechsel des Übertragungsverfahrens aufgetreten.
Was bleibt also? Die Empfehlungen zu sauberen und intakten Steckerstirnflächen sind sehr eindeutig und nachvollziehbar – daran führt kein Weg vorbei. Sind bisher keine Fehler aufgefallen, liegt die Vermutung nahe, dass nicht die Abwesenheit der Fehler der Grund ist (wegen besonders guter Installationen), sondern die geringen Anforderungen des Dämpfungsbudgets. Zum Vergleich: 1000BaseSX verlangt für eine OM4-Faser max. 3,56 dB, 10BaseSR reduziert den Schwellwert auf 2,9 dB, und 100GBase-SR10 fordert schon 1,5 dB. Da aber gerade in Rechenzentren mit immer anspruchsvolleren Übertragungsverfahren zu rechnen ist und Fehler extreme Auswirkungen haben können, empfiehlt der Autor die Sicherstellung einer sauberen Steckerstirnfläche mindestens am Patchkabel unmittelbar vor der Aktivierung – je nach belasteter Umgebung auch des Steckers am Rangierfeld.
Damit kommen wir zu der Frage, wie man saubere und intakte Stirnflächen überprüft. Eine Pegelmessung reicht, wie wir gesehen haben, nicht unbedingt aus und erfordert hohes Know-how sowie teure Messgeräte. Die Messung wäre somit eher als zentrales Überprüfungselement im Rahmen der Abnahme zu sehen und weniger permanent im laufenden Betrieb anzuwenden.
Normative Bewertung der Videomikroskopie
Beginnen wir mit der normativen Betrachtung. Die für die Installation von Kommunikationskabelanlagen relevante Norm ist die 50174-2. Diese sagt in Kapitel 5.3.6.4: „Endflächen der anzuschließenden Lichtwellenleiter müssen einer Sichtprüfung unterzogen werden, wie in EN 61300-3-35 definiert“. Damit lässt diese Norm keine Wahlmöglichkeit, nach der Installation wäre eine Sichtprüfung zu machen. Die genannte EN 61300-3-35 beschreibt 3 Methoden zur quantitativen Überprüfung der Endflächen. Sie sieht sich als Inspektion zusätzlich zur Messung, nicht als Ersatz.

Abbildung 3: Glasfaserhandmikroskop (Quelle Hersteller Kelushi)
Eine dieser 3 Methoden sieht die direkte Betrachtung der Stirnflächen mit einem Mikroskop vor, bei dem man durch ein Gerät mit einer Vergrößerung beispielsweise um den Faktor 400 direkt auf die Fläche schaut; sogenannte „Direktsichtmikroskope“. Die Preise liegen unter 100 €. Diese Geräte sind jedoch in erster Linie zur Prüfung von „freien“ Ferrulen wie am Patchkabel gedacht. Die Prüfung einer Ferrule im Mittelstück ist nicht optimal durchführbar. Auch ließe sich mit einer solchen Überprüfung keine objektive Bewertung der Ferrule vornehmen, die Entscheidung „passed/failed“ würde dem Betrachter überlassen. Damit ist diese Methode z. B. im Rahmen einer Abnahme nicht nutzbar.
Bei der zweiten Variante wird das einfache Handmikroskop durch ein Videomikroskop ersetzt, die oben aufgeführten Einschränkungen bleiben aber bestehen. Beide Varianten ergeben also nur Sinn, um z. B. mal „eben auf die Schnelle“ ein Patchkabel zu prüfen.
Die dritte Methode ist eine (Video-)Mikroskopie mit automatisierter Auswertung. Diese Geräte können bei Einsatz von einer Auswertesoftware eine standardisierte „passed/failed“-Beurteilung durchführen. Die Software bewertet z. B. die Größe der Kratzer und die Menge der Verunreinigungen – und dies im gesamten Kontaktbereich – also auch dem Bereich, der kein Licht führt (ausführliche Erläuterung der Methodik siehe Internet-Artikel der Firma Fluke vom 30.4.2025 [2]). Interessant ist lt. diesem Artikel, dass auch bei schlechtem Mikroskop-Ergebnis ein Stecker trotzdem nicht als „defekt“ bzw. „auszutauschen“ eingestuft wird, solange er die messtechnischen Werte erfüllt bzw. die vorgesehene Übertragungstechnik funktioniert. Diese Geräte ließen sich somit im Rahmen einer Abnahme verwenden, mit der Einschränkung, dass ein „failed“ bei einer Videomikroskopie nach Norm nicht automatisch zu einer Ablehnung der Abnahme führen darf, sofern die Messergebnisse in Ordnung sind.

Abbildung 4: Videomikroskop mit automatisierter Bewertung (Quelle: Hersteller Fluke)
Auf eine weitere Norm in Zusammenhang mit der Prüfung von Steckverbinderstirnflächen ist noch hinzuweisen: die ISO/IEC 14763-3. Diese Norm gilt als Hauptnorm für die Messung von Lichtwellenleiterverkabelungen und schreibt in Kapitel 5.3.2 vor, dass die Stirnflächen von Prüfschnüren und der zu prüfenden Verkabelung zu prüfen, ggf. zu reinigen und bei Beschädigung zu ersetzen sind. Im Anhang B dieser Norm wird sehr ausführlich beschrieben, wie die Prüfung und Reinigung sowohl für LC als auch für MPO vorzunehmen ist. Dabei wird hinsichtlich der einzusetzenden Prüfgeräte wiederum auf die EN 61300-3-35 verwiesen.
Ein wichtiger Hinweis in der Norm bezieht sich auf die Vergleichbarkeit der Prüfergebnisse bei verschiedenen Messgeräten: Diese „kann derzeit nicht erreicht werden“. Damit wird deutlich, dass im Falle einer vorgeschriebenen Abnahme mit Videomikroskopen die Ergebnisse z.B. des Installateurs nicht mit denen vergleichbar sind, die mit eigenen Geräten ermittelt werden.
In jedem Falle sollte jedem, der in seiner Ausschreibung die Durchführung einer Messung nach ISO/IEC 14763-3 vorschreibt, klar sein, dass er damit auch eine standardisierte Videomikroskopie verlangt und der anbietende Installateur diesen Aufwand bei der Abgabe seines Angebotes einrechnen muss.
Wann ist die Videomikroskopie tatsächlich sinnvoll?
Wir haben jetzt gesehen, dass es normativ klare Vorgaben gibt, ob und wann eine Videomikroskopie durchzuführen ist. Doch ist das auch praktikabel? Lohnt sich der Aufwand? Nachfolgend wird erläutert, wann die Mikroskopie aus Best-Practice-Sicht sinnvoll ist und wann nicht.
Am Anfang ist die Installation der Verkabelung, die bewertet werden muss. Grundsätzlich liegt das Risiko einer schlechten Verbindung bis zur Abnahme ausschließlich beim Installateur. Es sollte also in seinem eigenen Interesse sein, die in der EN 61300-3-35 beschriebenen Reinigungsmaßnahmen und Mikroskopierungen durchzuführen, denn nur so kann er sicherstellen, dass die geforderten Messwerte auch eingehalten werden (siehe Praxisbeispiel im Artikel oben). Sollte eine Messreihe nicht erfolgreich sein oder während der Abnahme durch stichprobenartige Mikroskopie, beispielsweise durch den prüfenden Fachplaner, eine höhere Anzahl von Unsauberkeiten oder Beschädigungen an den Ferrulen festgestellt werden, so obliegt die Nachbesserung dem Installateur in der Regel auf dessen Kosten. Demzufolge muss die Ausgangsbasis für eine Abnahme eine vollumfängliche Reinigung aller Steckerstirnflächen sein. Dies sollte ggf. im Pflichtenheft nochmals explizit festgehalten werden, auch wenn es normativ bereits vorgegeben ist.
Die Prüfung dieser Reinigung – egal nach welcher Methode – obliegt ebenfalls dem Installateur. Verzichten kann er darauf nicht, da er andernfalls riskiert, dass Messungen oder die Abnahme nicht erfolgreich verlaufen. Besteht der Auftraggeber hingegen auf einer vollumfänglichen Videomikroskopie der fertig gereinigten Steckerstirnflächen, so ist zu beachten, dass
- dies nur Sinn ergibt, wenn die dokumentierten Mikroskopie-Ergebnisse tatsächlich auch geprüft werden – bei umfangreichen Verkabelungen können dies mehrere tausend Einzelbefunde sein,
- diese Prüfung nicht versteckt als Nebenleistung in einem Pflichtenheft stehen sollte, sondern bewusst vom Anbieter erkannt und kalkuliert werden muss,
- sich der Anbieter das bezahlen lassen wird; es kann von ca. 2 € pro Steckerstirnfläche ausgegangen werden (zum Vergleich: das Reinigen mit einem professionellen Reinigungsgerät kann pro Steckerstirnfläche mit ca. 0,5 € kalkuliert werden und eine Dämpfungsmessung pro Faser mit ca. 5 €),
- diese Aufnahmen nur eine Momentaufnahme zum Zeitpunkt der Reinigung der Ferrulen sind und nachfolgende Verunreinigungen mit Sicherheit zu Diskussionen zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer darüber führen werden, wann diese entstanden und von wem sie zu verantworten sind.
Es ist also fraglich, ob sich einerseits der Mehrpreis für eine Videomikroskopie-Dokumentation als Bestandteil der Abnahmeunterlagen tatsächlich lohnt und was sie mehr liefert als die Messung. Andererseits ist zu prüfen, ob es nicht sinnvoller ist, im Rahmen der technischen Abnahme eine hohe Stichprobenanzahl im Beisein des Abnehmenden vorzusehen, bei der die installierten Ferrulen mikroskopisch begutachtet werden, und erst bei negativ auffälligen Ergebnissen den Installateur aufzufordern, einen Nachweis für eine grundsätzlich fachgerechte Installation zu erbringen.
In der Praxis kennt der Autor keine firmenspezifischen Installationsrichtlinien, auch nicht bei großen weltweit operierenden Firmen, die eine Videomikroskopie-Dokumentation der Installation vorschreiben. Selbst die bei öffentlichen Auftraggebern gerne zitierte AMEV schreibt dies nicht vor.
Anders ist das bei der Messung. Hier ist unbedingt die Unversehrtheit und insbesondere die Sauberkeit der Steckerstirnflächen der Prüfschnüre gemäß der Vorgabe der EN 61300-3-35 nachzuweisen – und das nicht einmalig, sondern mindestens vor jeder Messreihe. Denn wie bereits erläutert besteht sonst die Gefahr, dass verschmutzte Prüfschnüre die Steckerstirnflächen der installierten Stecker im Rangierfeld kontaminieren und sich dieser Kontaminationsprozess auch im späteren Betrieb immer weiter fortsetzt.
Lösen wir uns vom Installations- und Abnahmeprozess und wechseln zum Betrieb einer Glasfaserverkabelung. Was wäre hier der richtige Umgang mit der Videomikroskopie?
Es muss davon ausgegangen werden, dass nach einer erfolgreichen technischen Abnahme – mit oder ohne Videomikroskopie-Dokumentation – zwar keine mechanische Beschädigung der Steckerstirnfläche im Kern- oder Mantelbereich zu erwarten sind, jedoch eine Verschmutzung je nach Umgebungsbedingungen nicht ausgeschlossen werden kann. Dies gilt auch dann, wenn in den Kupplungen Shutter-Technik oder ganz normale Staubschutzkappen eingesetzt werden, da beide keinen zuverlässigen Staubschutz bieten, sondern eher dem Schutz vor Berührung und Kratzern dienen. Gerade der Einsatz von Staubschutzkappen kann dazu führen, dass bei Ziehen der Kappe ein Unterdruck entsteht und dann erst recht Staub angesaugt wird oder durch die Reibung der Plastikkappe mit dem Ferrulenkörper dieser sich elektrostatisch auflädt und wiederum Staub anzieht.
Wenn Fehlersuche durch mangelhafte Stirnflächen vermieden werden soll, kann die Empfehlung nur lauten, mindestens jedes Patchkabel mit einer „passed/failed“-Bewertung zu mikroskopieren (verhindert auch die Kontaminierung der Patchfeld-Stecker) und bei stark staubbelasteten Schrankumgebungen auch die Patchfelder visuell zu prüfen. Eine Dokumentation ist nicht zwingend notwendig, wenn das Ergebnis nicht einer weiteren Prüfinstanz vorgelegt werden muss.
Die Annahme, jedes neu gelieferte Patchkabel sei sauber und unzerkratzt, erweist sich nach den Erfahrungen des Autors als Irrtum. Zwar kommt es nur selten vor, dass mangelhafte Patchkabel geliefert werden, doch es passiert gelegentlich. In einem solchen Fall wäre der Ärger bei der späteren Fehlersuche in einem instabilen Link erheblich – und letztlich vermeidbar gewesen. Daher lautet der Rat: Auch neue Patchkabel sollten grundsätzlich mikroskopisch geprüft werden.
Geräte zur Videomikroskopie

Abbildung 5: Videomikroskop zum Anschluss an Tablet/PC von Viavi
Bei den Geräten zur Durchführung von Videomikroskopie betrachten wir im vorliegenden Artikel nur den Einsatzfall, wenn Strecken in Betrieb genommen werden sollen („Inspect before connect“) oder man sich als Auftraggeber, z.B. im Rahmen einer Abnahme, selber ein Bild von der Qualität der Installation machen will. Es geht also nicht um „Massenmikroskopie“ (möglichst viele Prüfungen in kurzem Zeitraum), sondern um einzelne Prüfungen. Die benötigte Zeit für eine einzelne Prüfung oder auch eine lange Akku-Laufzeit spielt also eine geringere Rolle.

Abbildung 6a: Videomikroskop von Viavi

Abbildung 6b: Videomikroskop von Fluke
Da niemand in der Lage sein wird, subjektiv und nur auf eigene Erfahrung basierend eine Mikroskop-Aufnahme zu bewerten, ist der Einsatz eines Gerätes, welches die Bewertung auf Basis einer Auswertungssoftware unter Anwendung der EN 61300-3-35 durchführt, unerlässlich. Die Dokumentation des Prüfergebnisses muss ebenfalls möglich sein, also ist ein Export des Ergebnisses in ein PC-taugliches Format wie z.B. einer PDF-Datei wichtig. Typisch sind Geräte, die über einen USB-Anschluss mit einem Tablet oder PC verbunden werden können und darüber auch die Stromversorgung erhalten. Diese Prüfgeräte bewegen sich in einem Preisspektrum von ca. 1.500 € bis ca. 3.000 €. Die Auswahl ist sehr groß. Mietpreise liegen z.B. bei ca. 20 € pro Miettag. Unterschiede gibt es in jedem Falle bei der Fokussierung des Videobildes, es gibt Geräte, bei denen man z.B. mit einer Rädelschraube diese Fokussierung durchführen muss. Bei anderen erfolgt das automatisch. Die Erfahrungen des Autors mit manueller Fokussierung zeigen, dass dies für den gelegentlichen Einsatz völlig in Ordnung ist.
Wer nicht unbedingt ein Tablet, Smartphone oder einen PC „mitschleppen“ will, benötigt natürlich ein Gerät mit eigenem Display und eigener Stromversorgung oder separater Display-Einheit, das teurer ist.
Bei einigen Herstellern von LWL-Messgeräten (Pegel oder OTDR) besteht die Möglichkeit, an das Messgerät ein Mikroskop anzuschließen und damit eine einheitliche Dokumentation von Messwerten und Mikroskop-Bewertungen vorzunehmen. Dies wäre insbesondere für Installationsfirmen interessant, die zur Abnahme beides vorlegen müssen.

Abbildung 7a: Auswertesoftware von Viavi – Menü
Neben den Geräten selbst sind passend zu den vor Ort zu prüfenden Objekten auch Prüfspitzen anzuschaffen (Viavi bietet z.B. mehr als 300 Prüfspitzen). Da z.B. eine LC-Ferrule am Patchkabel einen anderen Durchmesser hat als eine SC-Ferrule, gibt es verschiedene Prüfspitzen. Ähnliches gilt für die Prüfung der Stirnfläche einer Ferrule im Mittelstück. Eine wichtige Besonderheit ist zu berücksichtigen, wenn es um Mittelstücke bzw. Kupplungen mit Shutter-Technik geht. Steckt man hier eine normale Prüfspitze hinein, kann es sein, dass der Shutter nicht nach oben gedrückt wird, das Mikroskop die Ferrule nicht erkennen kann und kein Bild erzeugt wird. Hierfür gibt es spezielle Prüfspitzen oder auch Zusatzequipment, mit dem der Shutter bewegt werden kann.
Wird der MPO eingesetzt, so gilt auch hier, dass eine Prüfung der Patchkabel oder eingebauten Buchsen mindestens vor der Inbetriebnahme zu empfehlen ist. Denkbar ist, dass ohne Mikroskop-Aufnahme eine Beschädigung einer Faserendfläche erst gar nicht auffällt, da diese Faser zunächst nicht benutzt wird und erst beim Wechsel der Übertragungstechnik, die dann alle Fasern nutzt, Probleme entstehen. Richtlinien empfehlen, die gesamte Ferrulenoberfläche des MPO-Steckverbinders einer Sichtprüfung auf lose Verunreinigungen zu unterziehen, und das unter Verwendung eines Mikroskops mit sehr geringer Auflösung und mit Seitenbeleuchtung. In der Norm IEC 14763-3 gibt es ein sehr gutes Bild, welches die Unterschiede deutlich macht:
Mikroskope zur Prüfung von MPO sind deutlich teurer und seltener. Fluke wirbt damit, das einzige Messgerät anzubieten, welches MPO und Einzelferrulen prüfen kann (FI-3000 FiberInspector mit Internetpreisen von ca. 10.000 €).

Abbildung 7b: Auswertesoftware von Viavi – Ergebnis
Der Praktiker stellt sich wieder die Frage, ob es bei einer MPO-Trunk-Verkabelung mit Fan-Out-Kassetten (z.B. von MPO auf LC-Duplex) tatsächlich sinnvoll ist, im Rahmen der Abnahme die MPO-Anschlüsse des Trunk-Kabels und auch die LC-Anschlüsse vorne zu mikroskopieren. Dies würde zu einem enormen Aufwand führen, nur mit speziellen Geräten möglich sein und auch wiederum nur einen Momentzustand beschreiben. In der Praxis kommt diese Vorgabe an den Installateur nie vor, stattdessen beschränkt man sich, wie oben erklärt, auf die Mikroskopie der LC-Anschlüsse (wenn überhaupt).
Fazit
Die Frage „mikroskopieren oder nicht“ spaltet viele Experten: Auf der einen Seite gibt es relativ klare normative Vorgaben und auf der anderen Seite die Frage nach dem Nutzen dieses hohen Aufwands. Auf der einen Seite führen viele Fachartikel und insbesondere Anbieter von Mikroskop-Geräten Statistiken an, die darlegen, dass die meisten Fehler in Netzen durch fehlerhafte Steckerstirnflächen entstehen, auf der anderen Seite sind zumindest dem Autor bzw. den ihm bekannten Kunden hier wenig negative Erfahrungen dazu bekannt. Demzufolge ist es ratsam, den eigenen sinnvollen Kompromiss zu finden zwischen 100 %iger Mikroskopie im Rahmen der Abnahme und gar keiner Mikroskopie. Ein möglicher Weg wurde im Artikel gezeigt. Als minimale Empfehlung bleibt das Mikroskopieren jedes Patchkabels, welches gesteckt werden soll. Vermutlich lassen sich damit schon ein Großteil der Probleme vermeiden.
Verweise
[2] https://de.flukenetworks.com/blog/cabling-chronicles/easier-fiber-end-face-inspection




