Na, schon um das digitale Erbe gekümmert?

28.12.2021 / Chantal Haidl

Chantal Haidl

Viele kennen das Gefühl, wenn man voller Stolz die erste eigene Wohnung betritt und somit endlich unabhängig vom Elternhaus ist. Schnell kommt die Ernüchterung, sobald man mit hilfreichen Ratschlägen bombardiert wird: Vom Kauf eines „dringend benötigten“ Wäschetrockners bis hin zum Abschluss bestimmter Versicherungen oder der Altersvorsorge. Mein Vergangenheits-Ich hat sich in den Momenten oft sarkastisch die Frage gestellt, ob ich vielleicht jetzt auch noch meinen Nachlass regeln soll? Was ich früher mit Augenrollen beantwortet hätte, würde ich jetzt fast mit einem Ja beantworten. Das Stichwort hier lautet: digitales Erbe. Doch was bedeutet das eigentlich?

Das digitale Erbe beinhaltet theoretisch alles, was in digitaler Form vorliegt. Dazu gehören beispielsweise die Musik der Lieblingsband, die Bilder vom letzten Urlaub oder die alten Bewerbungen, die man am Computer geschrieben hat. So gut wie jeder hat auf irgendeiner Webseite einen Account erstellt, sei es für das Online-Shopping, den Streaming-Dienst oder Social Media. Diese Accounts würden theoretisch auch in das digitale Erbe fallen, oder etwa nicht? Bei einigen Anbietern ist in den Nutzungsbedingungen festgehalten, was genau nach dem Tod mit dem Account geschieht. Sei es durch das Setzen des Accounts in einen Verstorben-Modus oder aber die Löschung desselben. So oder so müssen die Hinterbliebenen handeln und eine entsprechende Information weitergeben. Wenn die Leute jedoch keine Übersicht über die diversen Accounts besitzen, könnte dies zu einer sehr schwierigen Aufgabe werden. Und natürlich gäbe es die Möglichkeit, diesen Fall einfach zu ignorieren, da man zu diesem Zeitpunkt ohnehin nicht mehr am Leben ist. Doch fängt man jetzt damit an, sich die Übersicht zu verschaffen, könnte dies noch zu Lebzeiten zu ein paar Vorteilen führen.

Mir ist das neulich erst wieder passiert. Ich habe online ganz schnell etwas bestellt und nicht darauf geachtet, welche Adresse eingetragen war. Es kam wie es kommen musste, und meine Bestellung ist bei meinen Eltern gelandet. Natürlich hätte ich beim Bestellen besser aufpassen müssen, um diesen Fehler zu vermeiden. Alternativ  hätte ich einfach nur meine Adresse direkt nach dem Umzug anpassen können, dann wäre so etwas nie passiert. Da ich dort, wo ich bestellt habe, jedoch eher seltener etwas einkaufe, ist mir die Anpassung damals einfach durch die Lappen gegangen. Wer denkt denn schon daran, wenn man sich an gefühlt hundert Stellen ummelden muss? Würde man über eine Liste an Accounts verfügen, in der eine Adresse angegeben wurde, müsste man nicht großartig darüber nachdenken, sondern könnte diese einfach stur abarbeiten. Sie wäre für die Adressänderung, jedoch auch allgemein für alle Datenänderungen, sei es der Nachname nach der Hochzeit oder die neue E-Mail-Adresse bzw. Handynummer, nutzbar. Doch wie baue ich diese Liste am besten auf?

Eine Möglichkeit wäre, alles auf einem Blatt Papier niederzuschreiben, doch würde dies mit den Jahren sehr unübersichtlich werden, und der Zettel vielleicht irgendwann mal aus Versehen im Papierkorb landen. Zum Glück gibt es kostenlose Programme, die da Abhilfe schaffen. Entweder nutzt man ein Textdokument, passwortgeschützte Dokumente oder direkt Kennwortverwaltungsprogramme. Bei letzteren könnte man sogar in einem von der Sicherheit profitieren. Man bräuchte sich nicht hunderte von Passwörtern zu merken oder immer die unsicheren gleichen Passwörter verwenden, sondern würde es ausreichen, sich nur ein einziges zum Entschlüsseln der Datenbank im Gedächtnis zu behalten und sich die sicheren Passwörter generieren zu lassen. Dann wäre noch die Notizfunktion zu nutzen oder die Accounts entsprechend in den Bereichen alle Daten, nur E-Mail-Adressen, usw. zu unterteilen, und schon hätte man die grundlegende Vorbereitung für das digitale Erbe. Das Master-Kennwort könnte man dann im späteren Verlauf im Testament vermerken und eine entsprechende Person für die Verwaltung benennen. Wichtig wäre außerdem, dass man regelmäßig ein Backup der kleinen verschlüsselten Datenbank erstellt und dieses entweder in die Cloud oder auf einem externen Speicher aufbewahrt. Denn gibt die Festplatte im Computer den Geist auf, sind meistens entweder alle Daten weg, oder die Datenrettung wird sehr teuer. Dies gilt jedoch nicht nur für die Account-Verwaltung, sondern auch für die geliebten Urlaubsbilder.

Ich für meinen Teil habe auf jeden Fall beschlossen, mit den Vorbereitungen meines digitalen Erbes zu beginnen. Mit der wachsenden Digitalisierung wird der Nachlass immer größer. Besser jetzt damit anfangen, als in 30 Jahren vor einem großen Chaos zu stehen, wenn man tatsächlich alles im Testament aufnehmen lassen möchte. Das spart meinem Zukunfts-Ich auf jeden Fall viel Kraft, Zeit und Nerven, so viel ist sicher.

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