Eine tragfähige Zukunft für UC gestalten: UC-On-Premise, UCaaS und Team Collaboration in der Analyse

04.09.2019 / Dr. Jürgen Suppan /

suppan juergen

aus Netzwerk-Insider-Ausgabe September 2018

Diese Thematik ist einer der Schwerpunkte unseres UC-Forums im November. Wie immer bereiten wir exklusive Analysen für die Teilnehmer des Forums vor. Dieser Artikel greift einen Aspekt dieser Analysen auf. Wir stellen die Ergebnisse unserer Analysen auf dem UC-Forum vor uns diskutieren dies mit den Teilnehmern und den anwesenden Herstellern.

Betrachtet man die Investitionen der meisten Hersteller, dann ist die Aussage klar: das Geld geht nach UCaaS und Team Collaboration. UC On-Premise stagniert in seiner Funktionalität (ist das wirklich so? Dies wird später im Artikel diskutiert). Gleichzeitig wird man bei der Analyse des Marktes und der Projekte der letzten Monate mit interessanten Thesen konfrontiert, die wir im Folgenden in Frage stellen:

  • UC On-Premise vor dem aus!
  • UCaaS funktional zu schwach!
  • UC und Team Collaboration wachsen zusammen, Team Collaboration ist das neue UC!

Da passt es ins Bild, dass Microsoft Skype for Business Online stufenweise ablöst und in Teams integriert, damit also eine Integration aus UCaaS und Team Collaboration schafft.

Im Moment sieht Microsoft selber einen Funktions-Gleichstand. Bis zum Ende von Q4 soll Teams an Skype for Business Online vorbeimarschieren. Damit hat Microsoft eine Diskussion über seine weitere Strategie ausgelöst. Obwohl noch in diesem Jahr eine neue Version von S4B On-Premise kommt, steht plötzlich die Frage im Raum, ob der Trend nicht generell in die Cloud geht.

Aber die UC-Welt besteht ja nicht nur aus Microsoft. Nach wie vor dominieren in Deutschland Alcatel, Avaya, Cisco, Innovaphone, Mitel und Unify den Markt. Was ist also jetzt richtig? Wie kann in der aktuellen Situation eine tragfähige und auf die Zukunft ausgelegte UC-Strategie entwickelt werden? Wie kann verhindert werden, dass man mit erheblichen Investitionen in einer Sackgasse landet und dabei auch noch wichtige Funktionen und einen bereits erkennbaren zukünftigen Bedarf nicht abdeckt?

Darum geht es in diesem Artikel. Es geht um die Frage wie UC as a Service UCaaS und Team-Collaboration zu positionieren sind. Lassen Sie uns mit einer Bedarfsbetrachtung an einigen Beispielen starten.

Der Bedarf

Die Frage nach der zukünftigen UC-Lösung muss mit der Bedarfsanalyse starten. Die ist nicht ganz einfach, da wir mit extremen Unterschieden auf der Kundenseite konfrontiert werden. Wir haben stark ausgeprägte vertikale Märkte wie das Gesundheitswesen, die eher traditionell aufgestellt sind und eher damit kämpfen, dass sie schon die funktionalen Möglichkeiten von UC nicht ausnutzen. Dann haben wir den gefühlten oder emotionalen Bedarf, der Faktoren wie Statussymbole in Form von Tischtelefonen oder Videokonferenzanlagen einbezieht. Für die Mehrzahl der Nutzungen ist eine Chef-Sekretärinnen-Schaltung nicht nur überflüssig, sondern sogar ein Rückschritt gegenüber dem heute möglichen. Eine funktional deutlich bessere Lösung wäre eine Integration des Chefs in die für ihn wichtigen Team-Collaboration Teams und auf der Sprachseite eine intelligente ACD-Lösung. Je mehr KI-Elemente wir zudem in Zukunft bekommen desto mehr wird sich die Lösung automatisch dem Bedarf anpassen. Aus der Sicht von ComConsult Research ist das allerdings eine vermeidbare emotionale Diskussion. Geben wir dem Chef doch einfach die Wahl und die Möglichkeit beides zu machen oder nach seinem eigenen Ermessen aus der alten Welt in die neue Welt zu wachsen. Aber es darf nicht übersehen werden, dass die Chef-Sekretärinnen-Funktion aus einer Zeit stammt, in der man ACD nicht einfach an jeden Arbeitsplatz bringen konnte und in der es keine Team Collaboration gab.

UC, UCaaS und Team-Collaboration

Abbildung 1: UC, UCaaS und Team-Collaboration überlappen sich funktional und haben gleichzeitig exklusive Funktionsbereiche. Je nach Bedarf muss dann entschieden werden, mit welcher Mischung die Lösung gestaltet werden soll

Damit sind wir zurück bei dem Bedarf. Hier unterstellen wir für diesen Artikel eine Büroumgebung und stellen einfach die Frage, wie würde man bei einem Neubau passend zu den anderen Erwägungen in einem Smart Building oder auf deutsch zur Gebäudeautomation eine Kommunikations-Lösung gestalten.

Wir haben diese Frage in diversen Projekten analysiert und mit Architekten und Planern aus dem Bereich Medientechnik und Arbeitsplatzgestaltung immer wieder auf den Prüfstand gelegt. Ohne hier unnötig in die Details abzugleiten (mehr dazu auf dem UC-Forum) sind dabei zwei zentrale Anforderungen immer wieder in den Vordergrund gerückt worden: Mobilität und eine flexible Meeting-Situationen. Unter Mobilität verstehen wir eine Situation, in der Mitarbeiter in einem “New Work”-Szenario flexibel zwischen verschiedenen Arbeitszonen wechseln. Entsprechend gibt es verschiedene Meeting-Szenarien vom formalen Meeting bis hin zum Kreativ-Meeting (siehe Abbildungen 2 und 3).

Diese Trends kann man natürlich auch kritisch sehen oder als vielleicht temporären Hype. Im Endeffekt kann man Kreativität nicht planen, sondern nur Umgebungen schaffen, von denen man annimmt, dass sie Kreativität fördern. Nicht jeder ist wie Bloomberg oder Google in London dabei in der Lage und willens erhebliche Investitionen in eine angenommene Mitarbeiter-Effizienz zu stecken. Tatsächlich beobachten wir diesen Trend aber quer durch den Markt in vielen Projekten und an dieser Stelle könnte eine lange Liste von Kunden stehen, die diesem Trend in neuen Bürogebäuden folgen. Wie immer bei offenen Gebäude-Architekturen sind die Kontrolle des Geräuschpegels und die Klimatisierung wesentliche Herausforderungen. Auch entsteht ein erhöhter Flächenbedarf pro Person.

Meeting-Szenarien aus der Sicht der modernen Medientechnik, Quelle und Copyright: Oliver Mack, Macom GmbH, siehe auch dazu unsere Spezialveranstaltung zum Arbeitsplatz der Zukunft im November

Abbildung 2: Meeting-Szenarien aus der Sicht der modernen Medientechnik, Quelle und Copyright: Oliver Mack, Macom GmbH, siehe auch dazu unsere Spezialveranstaltung zum Arbeitsplatz der Zukunft im November

Passend zu diesem Trend und auch unabhängig davon sehen wir auf dem internationalen Markt eine Entwicklung weg von stationären Desktop-Lösungen hin zu mobilen Endgeräten. Mit einer Kombination aus Laptop, externem Bildschirm, Smartphone und Tablet lassen sich sehr viele Arbeits-Szenarien gut abbilden. Auch sind dezentrale Geräte-Architekturen aus Laptop, externem Speicher und externer eGPU heute in der Lage, auch sehr hohe Lasten zu verarbeiten. Dagegen sprechen schlicht die höheren Beschaffungs- und Betriebskosten dieses mobilen Ansatzes. Hier muss eine angenommene Effizienz- und Kreativitätssteigerung den Mehrkosten gegenüber gestellt werden. Aber der Trend ist nun mal da. Er gilt sicher nicht generell, da es viele Umgebungen gibt, in denen Sachbearbeiter weiterhin stationär an ihrem Schreibtisch sitzen.

Wie immer wir den Trend zur Mobilität einschätzen, hier geht es für die meisten Kunden um einen prozentualen Anteil der Mitarbeiter. Bei einigen mögen dies 5% sein, bei anderen 100%. Je mehr Mitarbeiter betroffen sind, desto mehr werden Unternehmen vermeiden wollen, ihre Mitarbeiter unterschiedlich zu behandeln und damit Activity Based Working und New Work zum allgemeinen Standard machen.

Trend bei neuen Bürogebäuden

Abbildung 3: Trend bei neuen Bürogebäuden: New Work mit Activity Based Working, Mitarbeiter wechseln zur Steigerung der Kreativität und Zufriedenheit zwischen verschiedenen Arbeitsbereichen, siehe auch J. Brand, M. Dustoor: Physical Space and Productivity, Andrea Maurer-Schlangen: Raum für Veränderungen, Vortrag auf der Sonderveranstaltung „Der Arbeitsplatz der Zukunft“ im November

Die Konsequenzen eines Trends zur Mobilität aus der Sicht von UC sind aber sofort klar. Für diese Mitarbeiter ist das Tisch-Telefon tot und Kollaboration im Team ist ein integraler Teil des Mobilitäts-Gedankens. Sie brauchen also andere Endgeräte und nutzen andere Dienste. Und sie halten sich nicht nur im Unternehmen auf sondern arbeiten häufig auch in dynamischen Teams, die Standort- und Unternehmens-übergreifend aufgestellt sind (siehe Abbildung 4).

Arbeiten in dynamischen Teams erfordert eine andere Kommunikations- und Kollaborations-Infrastruktur als sie von einer reinen UC-Lösung geleistet werden kann. Hinzu kommt, dass eine effiziente Kommunikation sehr individuell ist und sich pro Person und pro Team anders darstellen kann. In jedem Fall wird Kollaboration und Kommunikation aus einer Mischung aus synchronen und asynchronen Tools bestehen, die je nach Situation geeignet kombiniert werden müssen (siehe Abbildung 5).

Um eine solche Mischung aus synchronen und asynchronen Kommunikations-Mitteln bereit zu stellen, müssen Im Wesentlichen vier verschiedene Funktionsbereiche unterstützt werden:

  • Persistent Chat
  • Meeting
  • Datei-Kollaboration
  • Integration externer Teilnehmer
Standort- und Unternehmens-übergreifende Teams

Abbildung 4: Standort- und Unternehmens-übergreifende Teams sind ein Teil des Zukunfts-Szenarios für UC, Damit verlieren traditionelle Tools an Bedeutung und neue Formen der Kollaboration sind gefragt

Die Integration externer Teilnehmer war lange eine kritische Anforderung, hat sich aber inzwischen auf Handhabungsprobleme und unterschiedliche Arbeitsweisen der Produkte reduziert (Rechteverwaltung, Benutzerschnittstelle, Abgrenzung innerhalb der Teamkommunikation). Tatsächlich liegen die Probleme und Produktprobleme in drei Bereichen:

• Persistent Chat
• Meeting-Funktionalität in den diversen Szenarien
• Datei-Kollaboration

Persistent Chat Lösungen werden von vielen Kunden bei der Produktauswahl total unterschätzt. Es ist doch nur Chat, was kann da schon schwierig sein. Weit gefehlt. Hier geht es nicht nur um Technik, sondern um eine völlig andere Form einer transparenten und für alle im Team sichtbaren Kommunikation. Der fehlenden Privatheit steht eine nicht zu unterschätzende Informationsflut gegenüber. Die Aufgabe der modernen persistent Chat-Tools besteht genau darin, diese Informationsflut für jeden Mitarbeiter so zu gestalten, dass die Information, die benötigt oder gesucht wird, auch gefunden wird. Alles andere muss ignoriert werden können. Der Marktführer Slack hat aber eindrucksvoll bewiesen, dass dies möglich ist und dass die Effizienzgewinne im Team nicht nur auf dem Papier stehen. Hierzu gibt es eine Studie von ComConsult Research, die die Kriterien für die Produktauswahl beschreibt und die wir dem Leser empfehlen („Kriterien und Einsatz von UCC-Produkten“, Studie bei ComConsult Research).

Die optimale und individuelle Mischung aus snychroner und asynchroner Kommunikation ist gefordert, in Anlehnung an Christoph Magnussen

Abbildung 5: Die optimale und individuelle Mischung aus snychroner und asynchroner Kommunikation ist gefordert, in Anlehnung an Christoph Magnussen

Auch der zweite Funktionsbereich schafft zunehmend Herausforderungen. Schon bei der Raumkonferenz sind die üblichen technischen Probleme zum Start einer Videokonferenz die Basis für viele amüsante oder weniger amüsante Anekdoten. Um wie viel komplexer wird dann die Situation bei einem wesentlich erweiterten Meeting-Verständnis, das beliebige Standorte, beliebige Endgeräte und moderne Medien wie Whiteboards integriert. Der Anbieter Cisco hat deshalb seinen Produktschwerpunkt auch verschoben weg von der Technik einer Telepräsenz und hin zu einer mehr intuitiven Meeting-Erfahrung auf allen Geräten und in allen Umgebungen. Auch Unify arbeitet in dieser Richtung. Dies erfolgt natürlich nicht ohne Hintergedanken. Auf der einen Seite muss Cisco neue Konkurrenten wie Zoom abwehren (deren Client und Implementierung wir als Messlatte sehen), auf der anderen Seite muss eine funktionale Abgrenzung zur Firma Microsoft gefunden werden, die als Hauptkonkurrent gesehen wird. Microsofts Kernschwäche ist die fehlende Kontrolle über die Endgeräte, da dies in der Hand der Partner liegt. Damit fehlt Microsoft auf der Hardware-Seite die Möglichkeit, eine perfekt gestaltete Benutzer-Erfahrung zu liefern. Genau hier setzt Cisco mit seiner Entwicklung seiner Meeting-Lösungen an. Ein Schelm wer Böses dabei denkt. Die Frage ist hier natürlich in welchem Rahmen solche Hardware-Lösungen in Zukunft eine Rolle spielen werden und ob nicht eher ein Fokus auf Software im Verbund mit KI liegen wird. Aber generell und unabhängig von einzelnen Herstellern muss bei der Produktauswahl ein besonderes Augenmerk auf die Meeting-Erfahrung gelegt werden.

Damit sind wir bei dem Kollaborations-Bereich Datei-Kollaboration. Wie viele andere Analysten auch gehen wir bei ComConsult Research davon aus, dass Datei-Kollaboration im Verbund mit Persistent Chat der wichtigste Kollaborations-Bereich der Zukunft ist. Hier wird prozentual mehr Arbeit verbracht werden als im Meeting. Im Gegenteil kann eine gute Chat- und Dokumenten-Kollaboration helfen, Meetings effizienter und fokussierter zu gestalten. Datei-Kollaboration ist aber eine tückische Anforderung wie wir auch in unserer UCC-Kriterien-Studie im Detail ausführen. Sie beinhaltet auch die Bearbeitung der Dokumente, eine Versionen-Kontrolle, eine umfassende Historien-Übersicht, eine gute und flexible Suchfunktion und die Unterstützung aller üblichen Endgeräte. Um es direkt auf den Punkt zu bringen, ist dieser Markt fest in der Hand von Google und Microsoft. Google setzt hier den Maßstab für das funktional und ergonomisch Erreichbare, Microsoft ist die in deutschen Unternehmen aber eher dominierende Lösung. Microsofts Schwäche war dabei in der Vergangenheit die Komplexität von SharePoint als Teamumgebung. Mit Microsoft Teams als Teil von Office 365 entsteht eine wesentlich leichter und angenehmer zu nutzende Lösung, auch wenn Teams im Kern auf SharePoint basiert und auch parallel einen Zugang zu den Dokumenten aus SharePoint gestattet. Etwas bösartig könnte man anmerken, dass SharePoint mit Hilfe von Teams zum ersten Mal für eine breitere Kundschaft nutzbar wird.

Unsere These an dieser Stelle:

Dokumenten-Kollaboration wird in Zukunft so wichtig wie es die E-Mail in der Vergangenheit war. Sie MUSS zwingend Teil der Gesamt-Kollaborationslösung sein.

Und Achtung, eine Warnung an dieser Stelle:

Die Positionierung von Datei-Kollaboration in der Gesamt-Lösung für Kollaboration kann die Produktauswahl wesentlich einschränken!

Damit sind wir bei einem signifikanten Problem. Mehr als 90% der deutschen Unternehmen nutzen Microsoft Office, bei Abfragen in unseren Veranstaltungen sind es 99%. Kollaboration ist aber bei Microsoft über Office 365 in der Cloud realisiert. Auch wer die lokale Version von Microsoft Office nutzt, muss Office 365 zur Dokumenten-Kollaboration einsetzen. Microsoft wird aus unserer Sicht in den nächsten 5 Jahren die Lizenzierung dazu nutzen, die Kunden zu Office 365 zu treiben. Wir beobachten seit Monaten eine Welle solcher Projekte bei den Kunden. Und wer Office 365 macht, der wird dann direkt mit Microsoft Teams als Teil von Office 365 konfrontiert. Teams kann “nebenbei” auch über unterschiedliche Lösungen als UC-Client für Sprachkommunikation eingesetzt werden und beinhaltet seit einigen Monaten auch einen eigenen UC-Server. Die bisherige E5-Lizenz ist aber nicht sehr attraktiv (das hängt ein wenig von den Diensten ab, die man mit der E5-Lizenz einführen will). Überhaupt steht Microsoft sich bei der Entwicklung mehr selber im Wege als dass es Konkurrenten fürchten müsste. Die einzelnen Abteilungen scheinen sich hier einen überflüssigen Kampf zu liefern. So hätte Teams unbedingt zusammen mit einer Endgeräte-Strategie eingeführt werden müssen und Office hätte zu einer vollwertigen Cloud-Lösung ausgebaut werden müssen. Office Online ist eine Krücke und eine Zumutung für den Kunden. So liegen die Tücken eines Dokumenten-Kollaborations-Ansatzes auch eher bei Microsoft selber als bei den Konkurrenten. Die einzige Ausnahme ist Cisco. Cisco arbeitet an einer Lösung, um WebEx Teams zu einem gleichwertigen Ersatz zu Microsoft Teams innerhalb von Office 365 zu machen. Dabei muss Cisco aber erhebliche Probleme lösen. Zum einen können sie nur auf API-Ebene integrieren während Microsoft selber auf Microservice-Niveau arbeitet. Microsoft Teams ist eben ein komplett in Office 365 und vor allem auch SharePoint Online integriertes Produkt. Diesen Grad an Integration auf der API-Ebene zu schaffen, muss eine erhebliche Herausforderung sein. Parallel ist WebEx Teams bisher funktional deutlich schwächer als Microsoft Teams. Cisco hat hier einiges an Arbeit vor sich, will man eine überzeugende Lösung schaffen. Wir werden genau diesen Aspekt auf dem UC-Forum im November auf der Basis eines Vortrages von Cisco diskutieren. Bis dahin liegt auch hoffentlich die neue und funktional deutlich ausgeweitete Version von WebEx Teams vor.

Damit sind wir bei einem zentralen Problem der Bedarfsanalyse und der Gestaltung der Zukunft:

  • Wer ist für die Entwicklung der Zukunfts-Strategie zuständig?

In unseren letzten Cloud und UCC-Veranstaltungen hatten wir einige Teilnehmer aus TK-Abteilungen verschiedener großer Cisco-Kunden, die von ihren IT-Kollegen geschickt worden waren: “wir führen gerade Office 365 ein und ihr solltet euch damit befassen was das für UC potentiell bedeutet”. Tatsache ist, dass eine Zukunfts-Strategie für Kommunikation nicht isoliert von den hier genannten Anforderungen gesehen werden kann. Kommunikation ist EIN Teil von Kollaboration. Kollaboration ist aber deutlich weiter gefasst als UC. Damit ist auch klar, dass wir eine umfassende Gesamtlösung brauchen.

Was bedeutet das nun für UC? Schon bevor wir in die Diskussion von UCaaS und Team Collaboration einsteigen wird klar, dass UC die hier genannten Anforderungen alleine nicht abdecken kann. Sein Chat-Umfang läuft unter Chat für Arme und seine sonstigen Kollaborations-Funktionen sind zu mager. Betrachtet man demgegenüber den Betriebsaufwand, der für die relativ wenigen UC-Zusatzfunktionen betrieben werden muss, dann kommt man schon ins Grübeln.

Zwischenfazit deshalb an dieser Stelle am Ende der Bedarfsanalyse:

  • UC alleine reicht nicht aus! Wir brauchen mehr!
  • Die Frage ist, woher wir das nehmen und wie wir das gestalten
  • Daraus resultiert die Frage, was das für die bestehende UC-Lösung edeutet

Die Nutzung von Cloud-Diensten

Wenn UC nicht mehr ausreicht, um bestehende Anforderungen an Kommunikation und Kollaboration zu erfüllen, kommt automatisch die Cloud ins Spiel. Dies hat mindestens zwei Ursachen:

  • UC-Lösungen enden an der Unternehmensgrenze. Cloud-Lösungen sind naturgemäß “überall” verfügbar und können Team-Mitglieder unabhängig vom Standort miteinander verbinden
  • Kollaboration findet heute überwiegend in der Cloud statt. Es gibt zwar nach wie vor Lösungen, die auch rein On-Premise eingesetzt und im eigenen Rechenzentrum gehostet werden können, doch der Trend geht in die Cloud. Alle führenden Lösungen sind dort angesiedelt. Microsoft Office 365 ist das herausragende Beispiel

Leider haben sich im Markt mehrere falsche Annahmen zur Nutzung von Cloud-Diensten etabliert. Bevor man leichtfertig in eine UCaaS oder Team Collaboration-Lösung einsteigt, sollte man sich unbedingt diesen Annahmen stellen:

Annahme 1: Die Cloud spart Kosten und ist preiswerter als eine selber betriebene Lösung

Diese Einschätzung basiert aus unserer Sicht aus der Frühphase der Nutzung von Cloud-Diensten als man zum Beispiel Rechenleistung bei Amazon im Schnitt 30 bis 40% unter den eigenen Kosten einkaufen konnte. Schon die Nennung dieses Betrags ist für 90% aller Nutzungen falsch. Wer Rechenleistung in der Cloud nutzt, der wird in der Regel auch Speicher in der Cloud einkaufen. Und Speicher in der Cloud ist in der Regel teurer als ein gleichwertiger Speicher im Rechenzentrum. Der Grund liegt hier darin, dass die Economy of Scale bei Speicherlösungen nicht im gleichen Maße anwendbar ist als bei Rechenleistung. Gleichzeitig hat sich Speicher wegbewegt von sehr teurer Spezialhardware zu Software-Lösungen auf der Basis von Standard-Hardware. Dies ist auch genau die Art von Lösung, die Cloud-Provider einsetzen.

Insgesamt ist es sehr schwierig, wenn nicht unmöglich, Kosten einer Cloud-Lösung mit internen Kosten zu vergleichen. In Einzelfällen mag dies bei sehr gut abgrenzbaren Leistungen möglich sein, aber wer will wirklich die Grenze ziehen? Der Platform as a Service PaaS-Anteil vieler Cloud-Lösungen beinhaltet Hunderte von Detailfunktionen, die in ähnlicher Form so nicht lokal vorhanden sind. Und sie werden alle getrennt abgerechnet. Eine Amazon AWS-Abrechung liest sich die die Ersatzteilliste eines Autos.

Bei der Kostenbetrachtung wird auch häufig völlig übersehen, dass es eine technische Anbindung an die Cloud geben muss. Diese ist bei Weitem nicht kostenfrei. Team Collaboration ist das herausragende Beispiel dafür. Wir raten dringend dazu, dass gerade bei Team Collaboration-Lösungen die Kosten der Internet-Anbindung sauber kalkuliert werden. Hier wird bei erfolgreicher Nutzung der Lösung eine erhebliche Bandbreite benötigt werden. Gleichzeitig wird Latenz zum Problem. Unternehmen mit mehreren Standorten, die bisher einen zentralen Internet-Zugang betreiben, müssen diesen umrüsten in dezentrale Lösungen. Es darf auch nicht übersehen werden, dass der Meeting-Part von Team Collaboration eine absurde Lastsituation entstehen lassen kann, bei der Mitarbeiter eines Standorts nur untereinander über die Cloud kommunizieren (sehr Produkt- und Implementierungsabhängig). Cisco hat zur Vermeidung dieser Situation zum Beispiel für WebEx Teams eine virtuelle Maschine entwickelt, die als Art lokales Media-Gateway den Umweg über die Cloud vermeidet.

Es sprengt komplett den Rahmen, das was wir “Cloud-Starterkit” nennen, an dieser Stelle zu vertiefen (und ja: dies ist ein Thema auf dem UC-Forum), aber die in der Praxis gegebene Situation ist:

Realität 1: Die Cloud ist funktional anders und häufig durchaus teurer als eine lokale Lösung, wir bezahlen einen Preis für einen Mehrwert, das darf nicht übersehen werden. Entsprechende Mittel müssen im Projekt bereitgestellt werden

Annahme 2: Cloud-Lösungen sparen Personal

Jeder, der sich mit Personalstrukturen auskennt, wird sofort bestätigen können, dass bei Berücksichtigung vollständiger IT-Betreuungsprozesse der Betrieb der Hardware das kleinste Problem ist. Der reine Betrieb von Servern, Netzwerken oder Speicher-Systemen verbraucht in einer Gesamtrechnung den kleinsten Anteil. Die meisten Kosten fallen bei der täglichen Betreuung der Anwender an. Um kostenoptimal zu arbeiten, wird man deshalb Wert darauf legen, die Betreuungsprozesse so optimal wie möglich zu gestalten. Dies ist aber gerade bei Cloud-Lösungen schwierig, da ein Teil der Prozesskette dem direkten Einfluss des Unternehmens entzogen wird. Hinzu kommt, dass auch Cloud-Lösungen konfiguriert werden müssen und Administratoren erfordern. Hinzu kommen Aufwendungen, die es bei lokalen Lösungen im Rechenzentrum nicht immer gibt. So erfordert der sichere Betrieb von Office 365 in der Regel die Nutzung von Azure AD, Multi-Factor-Authentication und SSO. Überhaupt ist die Administration von Office 365 ein gutes Beispiel für einen nicht zu unterschätzenden Personalbedarf.

Allerdings gibt es speziell bei UC-Lösungen häufig den Wunsch, die in der Regel gegebene erhebliche Komplexität der Lösung abgeben zu können. Die Ursache liegt häufig in der historischen Entwicklung von UC, die dazu geführt hat, dass getrennte Server mit unterschiedlichen Rollen zum Einsatz kommen. Das Ergebnis ist dann schnell auch für nur mittelgroße Kunden eine Serverfarm, deren Betrieb und Konfiguration erhebliches Spezialwissen erfordert und nicht selten für 15% der anfallenden Probleme verantwortlich ist. Aber auch hier sollte man nicht pauschal davon ausgehen, dass UCaaS dieses Problem löst, da es durchaus sein kann, dass diese Rollen auch weiterhin konfiguriert werden müssen.

Realität 2: Gehen Sie davon aus, dass die Cloud mehr Personal als bisher erfordert und nicht weniger, allerdings sprechen wir über ein unterschiedliches Know-How und Umschulungen bestehender Mitarbeiter sind nicht immer möglich. In jedem Fall sollte die Cloud nicht als Mittel zum Personalabbau gesehen werden

Annahme 3: Die Cloud ist unsicher

Dies ist ein Thema für einen eigenen Artikel. Tatsache ist, dass die Cloud für eine sichere Nutzung konfiguriert werden muss. Cloud-Dienste sind im Gegensatz zu lokalen Diensten von überall zugänglich, das ist ja bei Kollaboration auch das Ziel. Damit kann formal auch jeder auf diese Dienste von Überall zugreifen. Zum einen wird man dies auf die wirklich mobilen Mitarbeiter einschränken wollen und nicht akzeptieren, dass nur lokal arbeitende Mitarbeiter auf einmal von zu Hause auf Unternehmensanwendungen zugreifen. Zum anderen wird man auch bei den mobilen Mitarbeitern sich nicht nur auf einen reinen Passwortschutz verlassen wollen. Multi-Faktor-Authentifizierung mit einer ganzen Reihe unterschiedlichster Faktoren ist hier eine denkbare Lösung. Auch Dienste wie ZScaler (Firewall in der Cloud) wird man in die Betrachtung einbeziehen müssen.

Realität 3: Die Cloud ist erst einmal so sicher wie man sie betreibt. Fehler im Betrieb sind eher die Ursache für Unsicherheit als eine Cloud-inhärente Unsicherheit

Damit kommen wir zum Leistungsangebot von UC, UCaaS und Team Collaboration.

UC On-Premise

Unified Communications UC ist nun bereits seit mehr als 10 Jahren im Markt. Formal nutzen auch die meisten deutschen Kunden UC. In der Praxis sieht das aber durchaus durchwachsener aus. Dort werden häufig wesentliche UC-Funktionen nicht genutzt. Auch endet bisher UC an der Unternehmensgrenze. Man kann schnell zu der Erkenntnis kommen, dass UC alleine nicht die Anforderungen der Zukunft erfüllen kann.

Betrachtet man ohne jetzt auf die Unsummen von Leistungsmerkmalen einer UC-Lösung eingehen zu wollen die Haupt-Funktionsbereiche von UC, dann sind dies in der Regel:

  • Chat / Messaging
  • Präsenz
  • Sprache
  • Video
  • Konferenz-Funktionen

Mit dem Übergang von Hardware- zu Software basierten Anlagen-Architekturen kam gleichzeitig die Annahme einer besseren Integration in IT-Prozesse (aus dieser vorsichtigen Formulierung kann der Zweifel des Autors an dieser Annahme abgeleitet werden). Der Begriff “Unified” hat seinen historischen Ursprung in der Tatsache, dass diese Dienste über verschiedene Server und Clients verteilt waren. Es hat erstaunlich lange gedauert bis vor ca. 10 Jahren die Hersteller endlich das Versprechen des Begriffs “Unified” eingelöst haben und Clients auf den Markt gebracht haben, die tatsächlich den vollen Funktionsumfang einer UC-Lösung aus einem Client angeboten haben. Dies bedeutet aber in keiner Weise, dass die historische Aufteilung auf mehrere Server dabei aufgehoben wurde. Von einem “unified” Betrieb ist auch heute noch kaum die Rede (Ausnahme Innovaphone, die ihre Nische genau darüber definieren alles aus einer relativ kleinen Büchse zu liefern).

Zum zentralen Merkmal von UC hat sich dabei die Präsenz-Anzeige entwickelt. Wir nehmen diese Anzeige heute im Zeitalter von Cloud-Diensten, die das alle sowieso integriert haben, als normal an. Aber bei der Einführung von UC war Präsenz der große Renner. Unzählige und natürlich fragwürdige Wirtschaftlichkeitsberechnungen nahmen die Präsenz zur Basis, um darauf aufsetzend auszurechnen wie viele Sekunden und Minuten durch diese Anzeige gespart werden kann.

Im Zeitalter von Skype, Microsoft Teams, Cisco WebEx Teams und Unify Circuit wirken diese Dienste und die Art ihrer Umsetzung deutlich angestaubt.

Dabei darf nicht vergessen werden, dass die traditionelle UC vom Tischtelefon als dem dominierenden Endgerät ausgeht. Hunderte von Leistungsmerkmalen in den UC-Anlagen wurden geschaffen, um diese Form von Endgerät mit immer mehr Funktionalität zu versehen. In der Praxis hat dies dazu geführt, dass kaum ein Benutzer in der Lage ist, diese Dienste auch real zu nutzen. Schon relativ einfache Vorgänge werden zum Problem. So hat sich die Entwicklung der Tisch-Telefone in den letzten Jahren auch darauf konzentriert Benutzer-Oberflächen zu schaffen, die zum einen alle genannten Dienste unterstützen und zum anderen intuitiv verständlich sind.

Gerade für mobile Mitarbeiter mit Laptop und Smartphone sind Tischtelefone kaum eine sinnvolle Option und auch eine Verschwendung. Smartphones sind in der Regel in der Lage jede beliebige Client-Software zu betreiben. Das Problem, auf das man dabei läuft, ist die Abhängigkeit von einem auf Sprache und Video optimierten WLAN. Hinzu kommt, dass auch ein Smartphone mit einem 6 Zoll Bildschirm keine gute Basis für moderne Kollaborations-Lösungen ist. Sobald wir aber vom Laptop als dem führenden Gerät sprechen, sprechen wir auch über Headsets. Und die kommen mit einer Reihe von sehr ernst zu nehmenden Ergonomie- und Qualitätsproblemen. Auch gibt es bei den Unternehmen die merkwürdige Tendenz eindeutig zu preiswerte Headsets einzusetzen und dabei eine nicht wirklich akzeptable Qualität zu schaffen.

Qualitativ gute Headsets erreichen zum Teil die 400 Euro Grenze (Bluetooth mit Noice Cancellation) und können somit deutlich teurer sein als ein Tisch-Telefon. Solange wir kabelgebundenen arbeiten gibt es aber auch gute Headsets zu akzeptablen Preisen (die dann aber nicht gleichzeitig für mehrere mobile Geräte genutzt werden können wie ein Bluetooth Headset).

UCaaS

UCaaS ist in Deutschland bisher keine etablierte Technologie. Zwar haben wir Nischenanbieter wie Sipgate oder Nfon seit vielen Jahren. Doch diese setzen nicht komplette UC-Lösungen um, sondern eher einfachere Lösungen. So unterstützt Sipgate weder Video noch Messaging. Dafür hat man einfache ACD-Funktionen integriert. Auf dem internationalen Markt sieht das anders aus. Hier haben speziell Anbieter wie 8×8, RingCentral und Mitel eine sehr ernst zu nehmende Bedeutung erreicht. Deren Dienstumfang geht weit über Sipgate und Nfon hinaus. Zunehmend werden dabei auch Kollaboration und ACD angeboten. Allerdings gibt es im internationalen Markt keine Chef-Sekretärinnen Funktion.

Man kann als sicher davon ausgehen, dass sich UCaaS international in dem Sinne durchsetzen wird, dass es einen Prozentsatz des Marktes übernehmen wird. Cisco folgt ebenfalls dieser Annahme und hat mit Broadsoft einen der führenden Anbieter für Provider-Lösungen im Bereich von UCaaS übernommen.

Mehrere Cloud-Dienste werden so einem Diensteverbund integriert, dies ist die Basis-Arbeitsweise der Cloud

Abbildung 6: Mehrere Cloud-Dienste werden so einem Diensteverbund integriert, dies ist die Basis-Arbeitsweise der Cloud

Dies haben auch die traditionellen Anbieter von Avaya bis zu Unify erkannt und bieten seit einiger Zeit UCaaS-Lösungen an. Und hier stoßen wir auf das Problem der Definition von UCaaS. Speziell muss es eine Abgrenzung zu einem reinen gehosteten Produkt geben.

Bei der Frage was ein Cloud-Service ist, kann man auf die international anerkannte Definition des NIST aus den USA verweisen. Wendet man diese Definition auf UCaaS an, dann gibt es folgende Anforderungen:

  • Es muss eine für die Cloud entwickelte Software mit einem Multi-Tenant-Modell sein. Eine reines Hosten einer On-Premise-Software ist KEIN Cloud-Service.
  • Es muss einen Webshop zum Vertrieb des Cloud-Dienstes geben, in dem man ein transparentes Preismodell und direkt abrufbare Leistungen findet.

Der Vorteil des Hostens der bestehenden UC On-Premise-Lösung in der Cloud liegt darin, dass der volle Funktionsumfang der bisherigen UC-Lösung auch in der Cloud gegeben ist. Bei einer reinen Cloud-Lösung sollte man das pauschal erst einmal NICHT unterstellen sondern sorgfältig prüfen welcher Funktionsumfang wirklich gegeben ist. Dies betrifft auch die Frage welche Endgeräte oder Mediagateways und in welcher Form unterstützt werden. Im Videobereich ist auch die Integration bestehender Raumkonferenzen ein Prüfkriterium.

Wenn aber UCaaS entweder weniger oder maximal genau die gleichen Funktionen wie UC On-Premise anbietet, worin liegen dann die Vorteile? Wo sind die Mehrwerte zu suchen?

Es gibt bei UCaaC zwei Funktionsbereiche, die lokal nicht so ohne weiteres erbracht werden können:

  • Es ist üblich, dass Dienste in der Cloud eine offene Architektur haben und einfach mit anderen Diensten kombiniert werden können. Dies gilt gerade für Kommunikations-Dienstleistungen. Und speziell Anbieter wie 8×8 oder Zoom sind dadurch gewachsen, dass sie sich mit Diensten wie Salesforce kombinieren ließen. Generell ist die Integration von Kommunikaton in CRM ein Muss
  • Aus der offenen Architektur resultiert der Bedarf für eine Entwicklungs-Plattform, um weitergehende Dienste oder Schnittstellen programmieren zu können. Unify Open Scape Cloud ist ein Beispiel für eine solche Vorgehensweise

Unternehmen müssen bei der aktuellen Entwicklung von Software davon ausgehen, dass mehr und mehr Cloud-Dienste zum Einsatz kommen. Neue Software entsteht heute vielfach gar nicht mehr in einer On-Premise-Version. Dies mag man eine Weile aussitzen können, aber irgendwann holt einen die bitte Cloud-Realität ein. Wer aber in die Cloud geht, der braucht Kommunikation als ein Modul seines Dienste-Verbundes.

Team Collaboration

Team Collaboration ist die logische Weiterentwicklung von UC. Wir haben den Basis-Dienstumfang schon am Anfang des Artikels genannt (Persistent Chat, Sprache, Video, Konferenzen/Meetings, Datei-Kollaboration, Integration Externer). Im Gegensatz zu UC hat man aber bei Team Collaboration von vornherein den Cloud-Ansatz gewählt. Dabei wurde ursprünglich nur der Markt der Team-Kommunikation und Kollaboration adressiert. Für die “anderen normalen” Mitarbeiter blieb UC. In dem Umfang, indem aber nun Kollaboration im Team weitere Kreise von Mitarbeitern erschließt, weitet sich auch die Nutzung von Team Collaboration aus (siehe Abbildung 7).

Funktionsbereiche von Team Collaboration

Abbildung 7: Funktionsbereiche von Team Collaboration

Wie kam es zu dieser Entwicklung von Team Collaboration und wieso haben sich die einzelnen Funktionsbereiche über die letzten Jahre neu positioniert? Folgende Entwicklungen sind zu beachten:

  • Der Anbieter Slack hat mit seinem Produkt nachgewiesen, dass Messaging ein wesentlicher Baustein von Kommunikation sein kann. Dies war über mehr als 10 Jahre hinweg durchaus unklar, da viele dieser Ansätze in der Praxis gescheitert sind. Die erfolgreiche Nutzung von Slack hat zur Folge, dass es eine Verschiebung weg von Email und Telefonaten hin zum Messaging gibt.
  • Mit dem zunehmenden Erfolg und der Nutzung von Team Collaboration wurde zum Problem, dass die Mitarbeiter, die Team Collaboration nutzen, auf einmal mehrere Clients mit sehr ähnlicher Funktionalität hatten: ihren UC-Client und den Team Collaboration-Client. Das ist aber genau das was man mit der Einführung von “Unified” verhindern will. Die logische Konsequenz ist auf Dauer die Integration von UC in Team Collaboration
  • Google hat mit seiner G-Suite Kollaboration zum Standard gemacht. Viele Universitäten und Technologie-Unternehmen nutzen dies inzwischen als Standard. Bei Startups ist es häufig die Lösung der Wahl, dann in der Regel in Kombination mit Slack. Damit wurde Kollaboration von einer Lösung für Spezialfälle (im Programmierumfeld gibt es das schon länger) zum Mainstream

Und dies ist genau der Punkt, an dem wir im Moment stehen. Aus unserer Sicht haben wir dabei aber einen Konflikt zwischen UCaaS und Team Collaboration. Team Collaboration ist die modernere und mehr nach Vorne ausgerichtete Technologie. UCaaS wird unter der Annahme, dass Team Collaboration auf Dauer UC integrieren wird, zu einer Übergangstechnologie.

Generell leidet die Bewertung von Team Collaboration-Produkten unter dem Problem, dass die verschiedenen Anbieter mit unterschiedlicher Zielsetzung gestartet sind und dementsprechend die Produkte auch unterschiedlich im Markt positionieren. Zwar haben alle Anbieter vollmundig den auch hier beschriebenen Funktionsumfang für ihre Produkte beworben, die Realität sieht aber so aus, dass einzelne Anbieter ihre Team Collaboration-Produkte eher als reine Meeting-Produkte ausgelegt haben. Dies betrifft vorrangig Cisco. Dies hat auch solange funktioniert solange es keinen Anbieter mit einem voll entwickelten Portfolio gab. Auch ist es in der Cloud ja nicht ungewöhnlich verschiedene Produkte zu kombinieren, um zu einer Gesamtlösung zu kommen. Slack wird aus diesem Grund häufig mit Google G-Suite und Zoom oder Appear.in kombiniert. Mit dem Einstieg von Microsoft und der Entwicklung von Microsoft Teams hat sich aber alles geändert. Das Produkt wurde rund um SharePoint entwickelt und stellt dementsprechend Datei-Kollaboration als zentrales Alleinstellungsmerkmal in den Vordergrund. Über die Zeit hat sich auch der Chat und der Meeting-Teil verbessert. Heute ist der Chat-Teil besser als der von Cisco, im Meeting Bereich hat Cisco die Nase weiter vorne. Unify liegt irgendwo dazwischen.

Der Kunde muss hier definitiv entscheiden was das Ziel des Einsatzes von Team Collaboration ist. Geht es vorrangig um ein Meeting-Produkt mit ein paar netten Anhängseln, dann ist dies ein völlig anderes Szenario als der Einsatz eines vollen Team Collaboration-Produkts.

Und genau dies müssen wir auf dem UC-Forum 2018 zusammen diskutieren, Wir werden dabei unsere Analysen vorstellen und mit den Teilnehmern und Herstellern diskutieren.

Fazit

Betrachtet man die gegebenen Möglichkeiten und die zuvor genannten Kriterien und Erfahrungswerte, dann gibt es für den zukünftigen Einsatz von UC folgende Lösungsansätze, die wir nach diesen Kriterien zu bewerten haben:

Lösung 1: UC On-Premise
Lösung 2: UC On-Premise wird kombiniert mit UCaaS
Lösung 2a: Nur UCaaS
Lösung 3: UC On-Premise wird kombiniert mit Team Collaboration
Lösung 4: UCaaS wird kombiniert mit Team Collaboration
Lösung 5: UC On-Premise wird kombiniert mit UCaaS und Team Collaboration

Lösung 1 können wir als alleinige Lösung sofort ausschließen, da damit für viele Unternehmen und Behörden der zukünftige Bedarf nicht abgedeckt werden kann. Wir brauchen mehr als UC On-Premise. Die Kernfrage ist, ob das für jeden gilt. Die Antwort ist, dass jedes Unternehmen und jede Behörde, die entweder Chat oder Video als Teil von UC einsetzt oder einsetzen will, dies besser in Kombination mit einer Team Collaboration-Lösung machen sollte. Der Trend geht zu Team-Collaboration und einem Team-zentrischen Arbeiten. UC On-Premise alleine unterstützt das nur sehr unzureichend.

Lösung 2 wird allgemein als Hybrid-Ansatz bezeichnet und wird in der Regel so ausgelegt werden, dass die meisten UC-Funktionen aus der Cloud erbracht werden. Der On-Premise-Anteil wird dann die Mediagateways und Spezialanforderungen abdecken. Auch kann er als Redundanz genutzt werden. Ähnlich wie Lösung 1 erfüllt dieser Ansatz nicht den gegebenen Bedarf, da ein Team-zentrischer Ansatz fehlt. Auch muss speziell bei diesem Ansatz sowohl die Wirtschaftlichkeit als auch die Komplexität des Betriebs geprüft werden. Lösung 2a ist mehr eine inhaltliche Abgrenzungsfrage. Häufig wird man UCaaS mit lokalen Mediagateways kombinieren wollen. Ob dies eine komplette lokale UC-Installation erfordert, muss geprüft werden.

Lösung 3 dürfte die am Häufigsten gewählte Lösung sein. Sie führt aber funktional in eine Zweiklassen-Gesellschaft. Die Chat- und Meeting-Funktionen von Team-Colaboration sind denen von UC weit überlegen. Damit entsteht auch ein mögliches Integrationsproblem beider Welten. Diese Lösung ist akzeptabel, wenn sie eine Übergangslösung hin zu einer mehr Team-Colaboration-geprägten Lösung ist. Sie passt auch, wenn viele Mitarbeiter weiterhin in der „alten“ UC-Welt hängen und dort überwiegend die Sprachkommunikation nutzen. Generell sollte man in dieser Lösung eher vermeiden, den Chat und den Videoteil der UC-Seite zu benutzen. Diese Funktionen sind innerhalb von Team Collaboration deutlich besser umgesetzt. Gleichzeitig erfüllt dieser Lösungs-Ansatz nicht die Anforderungen der Integration von Kommunikation und Kollaboration in andere Cloud-Dienste. Dies wird aber defintiv mittelfristig ein großes Thema sein.

Lösung 4 ist der radikalste Lösungs-Ansatz, da er die bei den meisten Kunden bestehenden Lösungen ablöst oder infrage stellt. Er basiert auf der technischen Annahme, dass die Alleinstellungsmerkmale von UCaaS und Team Collaboration nicht On Premise erbracht werden können. Umgekehrt ist es aber möglich, die heute im On Premise-Bereich bestehenden Alleinstellungsmerkmale im Rahmen von UCaaS oder Team Collaboration umzusetzen.

Lösung 5 ist der funktionale und wirtschaftliche Overkill und deutet eher auf Unklarheiten in der Festlegung der Kommunikationsstrategie hin. Es kann eine Lösung sein, die als Teil einer Übergangslösung gewählt wird, aber sie ist extrem aufwändig im Betrieb und schafft eine unklare Zukunftsperspektive.

Betrachtet man die fünf Lösungen, dann wird klar, dass eine Entscheidung nicht ohne Vision für die Zukunft und eine präzise Analyse des eigenen Bedarfs getroffen werden kann. Gleichzeitig müssen mögliche technische und produktbezogene Risiken abgepuffert werden. Gerade der UC-Markt ist historisch gesehen geprägt von vollmundigen Ankündigungen, die in minderwertige Lösungen enden.

Wir müssen die verschiedenen Ansätze auf dem UC-Forum ausführlich diskutieren. Die Pros und Cons sind doch signifikant. Auch gibt es kaum einen anderen Technologie-Markt mit so ausgeprägten vertikalen Märkten mit Spezial-Anforderungen. Gleichzeitig müssen die stark ausgeprägten vertikalen Märkte mit ihren Spezial-Anforderungen berücksichtigt werden. Dies erfordert deutlich mehr Spielraum für Abwägungen als wir hier an dieser Stelle leisten können.

Trotzdem soll der Artikel nicht enden, ohne dass klar Position bezogen wird. Die Position basiert auf der Annahme, dass folgende Faktoren zu berücksichtigen sind:

  • Team Collaboration wird an Funktionsumfang weiter dazu gewinnen und sich bei mehreren Anbietern zu einer vollwertigen UC-Lösung entwickeln
  • Aber Team Collaboration beinhaltet nicht automatisch auch Plattform-Funktionalität zur Integration in andere Cloud-Dienste
  • Wir werden eine starke Entwicklung von Software-Anbietern in der Cloud haben. Hier werden viele Integrations-Anforderungen für Kommunikation entstehen
  • Eine Mehrklassengesellschaft mit Teilnehmern unterschiedlicher Kommunikations-Umgebungen sollte vermieden werden. Sowohl aus Sicht der Teilnehmer als auch aus Sicht des Betriebs
  • Es wird immer eine Notwendigkeit geben, eine On-Premise Komponente zu haben. Diese wird sich auf Spezialanwendungen, ältere Endgeräte und ggf. auch den PSTN-Zugang oder ein SIP-Gateway reduzieren. Dementsprechend könnte dieser Part auch über ein Media-Gateway oder eine kleine lokale Anlage erbracht werden

Die Antwort ist zumindest Stand heute auch nur Produkt-spezifisch zu geben. Aber als Autor dieses Artikels werfe ich meinen Hut in den Ring mit einem Statement, das ich gerne auf dem UC-Forum mit Ihnen diskutieren würde:

Meine favorisierte Lösung ist:

  • Eine Kombination aus UC as a Service mit Team Collaboration sollte langfristig eher den hier beschriebenen Bedarf abdecken als die anderes Lösungsansätze
  • Der Zugang nach „Außen“, sei es PSTN oder SIP sollte zumindest im Moment in eigener Hand bleiben, auch weil dies eine bessere Gestaltung von Redundanz-Lösungen gestattet
  • Team Collaboration stellt so wie es sich momentan entwickelt die langfrisige Existenzberechtigung von UCaaS teilweise infrage. Was bleibt ist der PaaS-Teil, dies bleibt in seiner Entwicklung abzuwarten.

Dies hat viele Details und Tücken, die wir besprechen sollten. Und sicher gibt es Alternativen, die von anderen Sprechern auf dem Forum und den Herstellern angesprochen werden. Aber eines ist sicher:

UC braucht eine Zukunftsvision, um den bestehenden Bedarf konsequent, funktional und wirtschaftlich abdecken zu können. Unternehmen und Behörden stehen jetzt an dem Punkt, an dem diese Vision entwickelt werden muss. Und man stelle sich dies nicht als leichte Aufgabe vor. Die Einführung von Team Collaboration ist kritisch und nicht einfach. Es kann leicht unterschätzt werden und wird dann an mangelnder Akzeptanz scheitern.

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