Wi-Fi 6E kommt! Wird 5G jetzt obsolet?

11.06.2020 / Dr. Joachim Wetzlar

Joachim Wetzlar

Von mir bisher völlig unbemerkt hat die US-amerikanische Regulierungsbehörde (Federal Communications Commission, FCC) am 24. April dieses Jahres eine seit längerem erwartete Entscheidung veröffentlicht (https://docs.fcc.gov/public/attachments/FCC-20-51A1.pdf): Es werden zusätzliche Frequenzbereiche im 6-GHz-Band für die „unlizenzierte Nutzung“ freigegeben. Es handelt sich um diese Frequenzbänder (U-NII steht für „Unlicensed National Information Infrastructure“):

  • 5.925 – 6.425 MHz (U-NII-5)
  • 6.425 – 6.525 MHz (U-NII-6)
  • 6.525 – 6.875 MHz (U-NII-7)
  • 6.875 – 7.125 MHz (U-NII-8)

Insgesamt sind es also 1.200 MHz, die unter anderem auch von WLAN genutzt werden können. Dazu passend hat die Wi-Fi Alliance bereits einen Tag früher angekündigt, eine entsprechende Zertifizierung in ihr Programm aufzunehmen, die auf den Namen Wi-Fi 6E hört. Nein, die „6“ steht nicht für „6 GHz“, sondern für die Zertifizierung von WLAN-Produkten gemäß IEEE 802.11ax. Und das „E“ bedeutet, dass diese Produkte zukünftig eben auch für die neuen Frequenzen zertifiziert werden – übrigens frühestens ab 2021.

In Europa mahlen die Mühlen bekanntlich langsamer. Das kennen Sie schon seit 20 Jahren, denken Sie nur an das Drama mit der Zulassung des 5-GHz-Bandes, das uns so nette technische „Features“ wie DFS und TPC beschert hat. Wie dem auch sei, immerhin gibt es beim European Telecommunications Standards Institute (ETSI) bereits zwei „technische Reports“, die sich mit den 6-GHz-Frequenzen beschäftigen:

  • TR 103 524 vom Oktober 2018 bezieht sich auf den Frequenzbereich 5.925 – 6.725 MHz
  • TR 103 631 vom März 2019 bezieht sich auf den Frequenzbereich 6.725 – 7.125 MHz

Ob und wann es in Europa Freigaben für Frequenzen aus diesen Bereichen geben wird und unter welchen Bedingungen, habe ich bisher nicht herausfinden können. Eine Idee davon bekomme ich jedoch beim Studium des oben zitierten Dokuments der FCC: In den USA dürfen alle vier genannten Bänder innerhalb von Gebäuden mit einer maximalen Strahlungsleistung (EIRP) von einem Watt genutzt werden. Im Freien dürfen es 4 Watt sein, jedoch sind hierfür nur die Bänder U-NII-5 und U-NII-7 freigegeben. Die Sendeleistung von Clients ist auf jeweils ein Viertel davon begrenzt.

Als Besonderheit für die Nutzung im Freien wird eine Automated Frequency Coordination (AFC) vorgesehen. Der WLAN Access Point befragt eine zentrale Datenbank nach bevorrechtigten Funkdiensten („Incumbents“) in seiner Umgebung. Entsprechend belegte Kanäle darf er nicht nutzen.

Endlich werden wir also mit Wi-Fi 6E fast unbegrenzte Bitraten im WLAN haben: Es stehen dann 7 zusätzliche Kanäle à 160 MHz zur Verfügung. Bündelte man die, käme man auf eine Brutto-Übertragungsrate von mehr als 60 Gbit/s. Theoretisch, weil sich diese Bitrate nur bei günstigsten Übertragungsbedingungen und auf kürzeste Entfernung ergibt.

Blieben wir bei 20 MHz Kanalbandbreite, bekämen wir selbst in der riesigen Fertigungshalle, in der sich alle Access Points sehen können, große Freiheiten bei der Kanalplanung. Wir könnten zahlreiche anwendungsspezifische WLANs errichten, die sich gegenseitig nicht stören. Hier die Industrieroboter, dort die fahrerlosen Transportfahrzeuge (FTF) und überall das Gäste-WLAN.

Insofern titelte eine Zeitschrift nicht ganz zu Unrecht „Vergesst 5G, Wi-Fi 6E steht in den Startlöchern“. Auf den 5G-Mobilfunk ist die Industrie ja vor allem deshalb so heiß, weil er uns neue, von WLAN ungestörte, Frequenzen bringt. Und nebenbei ein deterministisches Medienzugangsverfahren. Ein wenig davon bekämen wir nun mit Wi-Fi 6E. Ich bin gespannt, wann es soweit ist.

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