bien2022 web

Tool-gestützter Netzbetrieb

02.11.26 / Stephan Bien

aus dem Netzwerk Insider November 2026

Die klassischen Aufgaben eines Netzbetriebs haben sich in den Grundzügen in den vergangenen Jahren nicht wesentlich verändert. Neben der Überwachung des einwandfreien Betriebs stehen das Konfigurations-, Fehler-, Performance/Accounting-, sowie Sicherheits-Management im Vordergrund der Betrachtung.

Das bewährte CLI-Management ist in vielen Switch- und Routing-Infrastrukturen immer noch allgegenwärtig. Allerdings stößt man in softwaredefinierten Infrastrukturen sowie komplexeren Umgebungen mit einer mehrstufigen Sicherheits-Infrastruktur schnell an seine Grenzen.

Die Netzlandschaft wird durch hybride Cloud-Strukturen, IoT- und Edge-Devices zunehmend verteilter, dynamischer und komplexer, während Personal, Budget und weitere verfügbare Betriebsressourcen weitgehend konstant bleiben oder gar gekürzt werden.

Der Netzbetrieb muss trotz steigender Komplexität skalierbar bleiben. Daraus ergibt sich der Bedarf nach Echtzeit-Telemetrie, Ende-zu-Ende-Transparenz sowie einer stärkeren Automatisierung der Ursachenanalyse und Fehlerbehebung.

Durch den Einsatz von leistungsfähigen Tools lässt sich der Netzbetrieb deutlich vereinfachen oder gar erst bewerkstelligen. Dabei können Rollout-Prozesse von neuen Infrastrukturen gleichermaßen bedient werden wie die täglichen Arbeiten eines Administrations-Teams.

Das Fundament eines Netzbetriebs

Ein solider Netzbetrieb bildet die Grundlage für eine leistungsfähige, sichere und zukunftsfähige IT-Infrastruktur. Durch die intelligente Vernetzung von Systemen, Anwendungen und Endgeräten gewährleistet er eine hohe Verfügbarkeit, stabile Performance und maximale Sicherheit im Unternehmensalltag. Moderne Netzarchitekturen setzen dabei auf zentrale Verwaltung und kontinuierliches Monitoring, um Ausfälle frühzeitig zu erkennen und zu beheben.

Dabei spielen die klassischen Netzmonitoring-Tools eine elementare Rolle, da sie Transparenz über den Zustand und die Leistung der Netzinfrastruktur schaffen. Durch die kontinuierliche Überwachung von Netzkomponenten können Störungen, Engpässe oder Sicherheitsvorfälle frühzeitig erkannt und behoben werden, bevor sie den Geschäftsbetrieb beeinträchtigen. Darüber hinaus liefert ein Monitoring wertvolle Daten für die Kapazitätsplanung.

So mögen zu Projektbeginn für eine PoE-Leistungsberechnung nur die Gerätekategorien WLAN Access Point und IP-Telefone herangezogen worden sein. Die von den Endgeräten geforderten PoE-Leistungsklassen sowie das kumulierte PoE-Budget je Access-Switch wurden inklusive einer Leistungsreserve berechnet und entsprechende Switch-Typen beschafft und ausgerollt. Der spätere Aufbau weiterer PoE-fähiger Endgeräte konnte nun ohne Zutun des Netzbetriebs erfolgen. Die Überwachung der PoE-Leistungsdaten kann hier planerische Lücken aufdecken und prädiktiv auf Probleme hinweisen, bevor sie für die Anwender relevant werden.

Auch das Gegenteil kann der Fall sein. Der gemäß Datenblatt des Herstellers geforderte PoE-Leistungsbedarf kann im realen Betrieb deutlich geringer ausfallen. So lassen sich unnötige Investitionen mit Hilfe eines Realitäts-Checks im Netzmonitoring verhindern.

Einen Schritt weiter geht ein proaktives Monitoring. Statt erst auf Störungen zu reagieren, wenn sie bereits Auswirkungen haben, werden Leistungsdaten, Ergebnisse und Trends analysiert, um potenzielle Probleme frühzeitig zu erkennen und Gegenmaßnahmen einzuleiten.

Ein Klassiker in diesem Umfeld ist der drohende Ausfall eines Netzteils in einem zentralen Switch. Moderne Netzkomponenten überwachen den Status ihrer Hardware und melden wichtige Betriebsdaten an das Monitoring-System. Verschlechtern sich die Leistungswerte, beispielsweise durch Spannungsschwankungen oder zunehmende Temperaturprobleme als Folge von Verschmutzungen, wird dies frühzeitig erkannt und als Warnmeldung ausgegeben. Die Administration wird alarmiert, bevor das Netzteil vollständig versagt. Mit redundanten Netzteilen lässt sich die Ausfallwahrscheinlichkeit verbessern. Man sollte jedoch bedenken, dass redundante Netzteile eines Gesamtsystems üblicherweise gleichzeitig beschafft werden und der Alterungsprozess sich auf alle Teilkomponenten gleichermaßen auswirkt. In der Praxis ist man gut beraten, das ausgefallene Netzteil unverzüglich zu ersetzen, bevor die Alterung auch die verbleibenden Netzteile betrifft.

SNMP-Monitoring: Bewährte Basis mit Grenzen

In Netzen mit statischen Strukturen ist SNMP-Polling eine wichtige Grundlage des klassischen Netzbetriebs. Beim SNMP-Polling werden Netzkomponenten zyklisch über SNMP abgefragt. Mit Hilfe von Management Information Base (MIB) und Object Identifier (OID) werden beispielsweise Zustände, Auslastungs-Parameter sowie Fehlerzähler erfasst. Damit erfüllt SNMP-Pooling Betriebsaufgaben aus den Disziplinen Überwachung von Verfügbarkeiten und Performance sowie frühzeitiger Erkennung von Problemen und ermöglicht Trendanalysen, Kapazitätsplanung und Fehleranalyse.

Der Einsatz von sicheren Protokollen sollte spätestens bei der Umsetzung von Härtungsvorgaben oder Security-Audits erfolgen. Aus eigener Erfahrung kann ich bestätigen, dass im Bereich der SNMP-basierten Überwachung und Administration gerne auf SNMPv2c Community Strings zurückgegriffen wird. Aber auch der Einsatz von SNMPv3 ist nicht automatisch mit mehr Sicherheit verbunden. So wurden schon Netze identifiziert, die mit dem Security Level „noAuthNoPriv“ gänzlich ohne Authentifizierung und Verschlüsselung konfiguriert sind. Gerade im Kontext der Durchsetzung von Sicherheitsrichtlinien ist dieser Punkt von großer Bedeutung. Eine Vorgabe wie „SNMPv3“ greift deutlich zu kurz. Sinnvoller wäre eine technische Mindestvorgabe für Security Level, Kryptografie, Zugangskontrolle und Credential Management sowie der Deaktivierung von unsicheren Verfahren.

SNMP-Polling liefert mitunter nur eine Momentaufnahme zum jeweiligen Abfragezeitpunkt. Ergebnisse zwischen zwei Polling-Zeitpunkten können unentdeckt bleiben. Auch stößt SNMP-Polling in hochdynamischen und komplexen Netzen durch das resultierende Daten- und Alarmvolumen an Skalierungsgrenzen der Betriebsressourcen. Deshalb sollte SNMP mit Echtzeit-Telemetrie wie Logs, Events und Flow-Daten kombiniert werden.

Baselining: Den Normalzustand des Netzes verstehen

Ein wirkungsvolles Netzmonitoring erfordert ein gezieltes Baselining von Schwellwerten. Statt ausschließlich statische Grenzwerte für Auslastung, Latenz und Paketverluste zu verwenden, wird zunächst das typische Betriebsverhalten über einen repräsentativen Zeitraum ermittelt. Daraus lassen sich dynamische Schwellwerte ableiten, die Lastprofile nach Tageszeit, Standort und Gerätetyp berücksichtigen. Abweichungen vom Normalzustand werden dadurch frühzeitig erkannt, während reguläre Lastspitzen weniger Fehlalarme verursachen. In Verbindung mit einer kontinuierlichen Überwachung der Betriebs- und Zustandsdaten anhand von Streaming-Telemetrie kann die Baseline jederzeit neu justiert werden. Änderungen an Infrastruktur, Anwendungen und Nutzungsmustern sollten dabei kontrolliert einfließen. Damit verbessert Baselining nachhaltig Alarmqualität, Fehlererkennung und betriebliche Stabilität im Alltag eines Netzbetriebs.

Von Monitoring zu Observability: Ursachen statt nur Symptome erkennen

Während Monitoring überwiegend bekannte Kennzahlen überwacht und auf definierte Schwellwerte reagiert, ermöglicht Observability zudem die Sammlung und Korrelation von Daten aus verschiedenen Quellen. Häufig ist es in der Realität so, dass nur die Kombination aus verschiedenen Problemen von dem Anwender bemerkt wird und erst durch die Analyse der gesamten Datenkette die Ursache identifiziert werden kann. Beispielsweise verursacht ein latent überlasteter DNS-Server erst in Kombination mit Paketverlusten an einem Edge-Router ein spürbares Problem beim Anwender.

Die in meinem Artikel „Der Flaschenhals der Cloud“ vorgestellte Plattform ThousandEyes ist eine beispielhafte Lösung für Netz- und Internet-Observability [1]. Die Lösung analysiert Netzpfade, Cloud-Dienste, Internetverbindungen sowie die Endanwender-Erfahrung und bietet damit Transparenz über eigene und fremde Netzbereiche hinweg.

Während traditionelle Monitoring-Tools primär die Frage „Was ist ausgefallen?“ beantworten, liefern Observatory-Tools Antworten auf „Warum ist es passiert?“ und „Welche Auswirkungen hat es?“. Dabei wird häufig eine Kombination von Tools verwendet, um eine Ende-zu-Ende-Sicht auf Endgeräte, Netze und Anwendungen zu erhalten.

Configuration Management & Compliance

Durch die Definition von standardisierten Konfigurationsvorlagen werden Netze nach einheitlichen Vorgaben eingerichtet. In diesen Vorgaben können technische Best Practices ebenso berücksichtigt werden wie regulatorische Anforderungen, beispielsweise zu Passwort-Richtlinien, Verschlüsselung, Protokollierung oder Zugriffsberechtigungen.

Regulatorische Vorgaben, die sich aus der Anwendung von Sicherheitsstandards und Richtlinien am Beispiel der NIS-2-Richtlinie ergeben, lassen sich im Netzbetrieb am zuverlässigsten sicherstellen, wenn Compliance als dauerhafter, technisch nachweisbarer Betriebsprozess umgesetzt wird. Entscheidend ist dabei die Verbindung aus Unternehmensvorgaben, technischen Kontrollen, kontinuierlichem Monitoring und revisionssicherer Dokumentation.

Beispielsweise kann ein Netzmanagement-System regelmäßig überwachen, ob nicht freigegebene Konfigurationsänderungen vorgenommen wurden, unsichere Protokolle ungewollt aktiviert wurden oder nicht genehmigte administrative Benutzer existieren. Damit wird Compliance wesentlich stärker messbar und technisch überprüfbar.

Während viele Organisationen ihre IT-Sicherheitsstrategien noch auf klassische Bedrohungen ausrichten, kündigt sich mit dem Einsatz von Quantencomputing bereits die nächste große Herausforderung an. Die rechtzeitige Aufnahme von post-quantenkryptographischen Verfahren wird damit zu einer wichtigen Voraussetzung für den Schutz sensibler Daten.

Bereits heute sind quantenresistente Verfahren gefragt, die bereits mit Blick in nicht allzu ferner Zukunft erforderlich sind, um vor den zukünftigen Bedrohungen durch Quantencomputer zu schützen. Was in einem Blog-Beitrag meines Kollegen Dr. Behrooz Moayeri im Jahr 2023 Gestalt annahm, wurde kurze Zeit später im Jahr 2024 durch zusätzliche Standards des NIST im Bereich der Post-Quantum-Kryptografie deutlich [3] [4]. In welchen Bereichen der Netzlandschaft Quantencomputing eine Gefährdung darstellt, erläutert meine Kollegin Lea Joosten in einem aktuellen Blog-Beitrag [5]. Der Wettlauf gegen den Q-Day hat längst begonnen. Höchste Zeit, sich um quantenresistente Verschlüsselungsinfrastrukturen zu kümmern und diese in zukünftigen Beschaffungsmaßnahmen zu berücksichtigen.

Configuration-Management-Systeme sind mit Hilfe einer kontinuierlichen Prüfung in der Lage, Abweichungen zwischen der tatsächlichen Gerätekonfiguration und den definierten Standards zu identifizieren. Werden Abweichungen festgestellt – etwa durch manuelle Änderungen oder fehlerhafte Implementierungen – können diese automatisch gemeldet, dokumentiert oder direkt korrigiert werden. Bei der automatischen Korrektur ist jedoch Vorsicht geboten. Zu häufig finden im Alltag eines IT-Projektes notwendige temporäre Anpassungen statt, die nicht dem eigentlichen Firmenstandard entsprechen. Der Erhalt von Sonderkonfigurationen muss im Ausnahmefall für einen definierten Zeitraum möglich sein.

Das Speichern von sensiblen Informationen wie Gerätekonfigurationen erfordert einen ausreichend abgesicherten Speicherort. Es muss sichergestellt werden, dass eine rollenbasierte Zugangsberechtigung umgesetzt ist und nur berechtigte Personen Zugang erhalten. Der Austausch mit externen Dienstleistern und Herstellern muss ebenfalls klar geregelt sein. Sensible Informationen wie Passwörter, SNMP-Community-Strings und Krypto-Schlüssel müssen bei Bedarf entfernt bzw. verschleiert werden. Auch hier bieten Tools geeignete Funktionen, um diese Informationen standardmäßig zu maskieren oder zu entfernen.

Netz-Automatisierung und Orchestrierung

Ein Schritt weiter in der Standardisierung von Netzinfrastrukturen wird mit dem Ansatz verfolgt, nicht mehr manuell einzelne Geräte zu konfigurieren, sondern sie mithilfe von einer Automatisierung bereitzustellen, zu verwalten und zu dokumentieren. Bei dem daraus folgenden Ansatz Infrastructure as Code (IaC) wird der gewünschte Zustand in einem Repository gespeichert. Änderungen erfolgen nicht mehr direkt auf dem Gerät, sondern durch Anpassungen an der Codebasis. Automatisierungswerkzeuge verteilen die Konfiguration anschließend auf die betroffenen Systeme.

Zu den bekanntesten Open-Source-Lösungen für IaC gehören unter anderem Ansible und Terraform. Neben der Standardisierung von Netzkonfigurationen und den automatisierten Compliance-Prüfungen liegen deren Stärken vor allem in der Nachvollziehbarkeit von Änderungen durch Versionskontrollen und in der schnellen Bereitstellung neuer Dienste und Konfigurationen. Um das volle Potential der Werkzeuge zu nutzen, sind organisatorische und technische Herausforderungen und Hürden zu überwinden. Die Verantwortlichen müssen sich meist zusätzliche Kenntnisse in Bereichen wie Versionsverwaltung, Automatisierung und Skriptsprachen aneignen. In einem unserer aktuellen Blog-Beiträge werden weitere Tools zur Automatisierung im Netzumfeld für den effizienten Betrieb vorgestellt [2].

Herausforderungen entstehen in Verbindung zu IaC durch die Forderung einer engen Zusammenarbeit zwischen den Netz-, Sicherheits- und Entwicklungsteams und dem Abbau von traditionellen Silos.

Tool-Kategorisierung

Das Feld der Tools für den Netzbetrieb ist umfänglich. Das Auffinden eines einzelnen Tools, welches sämtliche Anforderungen erfüllt, ist im Regelfall nicht möglich. So weist jede Lösung individuelle Stärken und Schwächen auf, die erst bei genauerer Betrachtung im realen Betriebsumfeld erkannt werden. Die Verteilung der Aufgaben auf mehrere parallele Tools stellt viele Unternehmen vor große Herausforderungen.

Bei parallel eingesetzten Tools entstehen Funktionsüberschneidungen. Wenn mehrere Systeme dieselben betriebsrelevanten Daten erfassen, führt dies zu steigender Last der zu überwachenden Komponenten und kann den produktiven Betrieb beeinträchtigen. Viel hilft in diesem Fall nicht immer viel. Werden beispielsweise verschiedene Systeme für das Pollen von Betriebsdaten verwendet und beide Systeme arbeiten unabhängig voneinander, werden neben der Abfragelast auch parallele Alarme und Tickets generiert, die die Effizienz des Netzbetriebs beeinträchtigen.

Ein sinnvoller Ansatz ist daher eine strikte Rollenverteilung durch den Einsatz von Systemen, die einerseits Daten kontrollieren, eindeutig erfassen und diese an eine überwachende Instanz zur weiteren Bewertung übergeben. Events verschiedener Quellen werden dedupliziert, korreliert und priorisiert. Ein IT-Service-Management-Tool erzeugt daraus relevante Ereignisse.

Im Netzbetrieb von Enterprise-Lösungen orientiert man sich am klassischen FCAPS-Modell der ISO, welches die Netzbetriebswerkzeuge in Fault, Configuration, Accounting, Performance und Security Management unterteilt. Die auf dem Markt befindlichen Lösungen bedienen häufig einen Teilbereich der genannten Disziplinen oder haben sich auf ein Themenfeld spezialisiert. So führt der Weg kaum an der Verwendung einer ganzen Tool-Suite vorbei. Dabei gilt es zu prüfen, ob die Verwendung eines Tools für eine Disziplin über die gesamte Netzlandschaft umsetzbar ist oder aufgrund von funktionalen Einschränkungen und Kompatibilitätsproblemen die Management-Funktionalität von mehreren Tools erforderlich ist.

Besonders der Betrieb von Netzkomponenten mit einem umfangreichen und spezialisierten Setup lassen sich häufig nur mit Management-Tools der Hersteller vollumfänglich betreiben. So ist die Verwaltung und Rollout von Regelwerken im Umfeld von Next Generation Firewalls über mehrere Firewall-Instanzen den Management-Werkzeugen der Firewall-Hersteller vorbehalten. Hier stellt sich im Unternehmen dann die ernsthafte Frage, ob dies mit Open-Source-Tools selbst entwickelt werden kann oder die Wahl eines kostenpflichtigen Herstellerprodukts der einzig gangbare Weg ist. Hersteller-unabhängige Lösungen lassen sich nur etablieren, wenn eine geeignete Tool-Suite sämtliche technischen und organisatorischen Anforderungen abdeckt.

Warum Automatisierung eine strukturierte Datenbasis benötigt

Automatisierung im Netzbetrieb entfaltet ihren Nutzen nur dann zuverlässig, wenn sie auf eine konsistente, strukturierte und aktuelle Datenbasis aufsetzt. Automatisierungswerkzeuge benötigen eindeutige Informationen darüber, welches Inventar vorhanden ist, wie sie konfiguriert sein sollen und welche Abhängigkeiten bestehen. Werden diese Informationen hingegen in unterschiedlichen Listen, Dokumentationen, Konfigurationsdateien oder gar in den Köpfen der Administratoren “gepflegt“, entstehen zwangsläufig Inkonsistenzen. Automatisierung beschleunigt in diesem Fall nicht nur die gewünschte Änderung, sondern potenziell auch Fehler und Fehlkonfigurationen. Eine zentrale Datenquelle in Form eines geeigneten IP Address Management (IPAM) und eines Data Center Infrastructure Management (DCIM) schafft deshalb die Grundlage für reproduzierbare Abläufe.

Der entscheidende Schritt zur Netzautomatisierung ist daher häufig nicht die Auswahl des Tools, sondern vorab die Standardisierung und Strukturierung der zugrunde liegenden Informationen.

API als Grundlage für durchgängige Automatisierung

Eine wesentliche Voraussetzung, um Monitoring, Ticket-System und Automatisierungs-Tools zu einem durchgängigen Betriebsprozess zu verbinden, wird durch den API-First-Ansatz verfolgt. Statt Informationen manuell zwischen isolierten Systemen zu übertragen, stellen die eingesetzten Werkzeuge ihre Daten und Funktionen über standardisierte Schnittstellen bereit. So kann beispielsweise ein Monitoring-Tool eine Störung erkennen und daraus automatisiert ein Ticket mit relevanten Kontextinformationen erzeugen. Das Ticket-System kann daraufhin einen definierten Workflow anstoßen und die Ergebnisse anschließend an das Monitoring- und Ticket-System zurückmelden. Dadurch entsteht ein geschlossener Automatisierungskreislauf von Erkennen über Analysieren und Beheben bis zur Dokumentation.

Der API-First-Ansatz macht aus einzelnen Werkzeugen eine integrierte Betriebsplattform und schafft damit die technische Grundlage für skalierbare Automatisierung im Netzbetrieb.

Versionierung von Netzkonfigurationen

In der Praxis finden Änderungen an Netzumgebungen häufig durch manuelle und fehleranfällige Direktänderungen statt. Bei vermeintlich unkritischen Änderungen erfolgt dies on-the-fly oder wird bei kritischeren Änderungen in einem Wartungsfenster mit einer definierten Mindestvorlaufzeit umgesetzt.

Mit einem Git-Repository lassen sich versionierte Soll-Zustände zentral verwalten. Änderungen an VLANs, Routing oder Interface-Konfigurationen erfolgen über einen definierten Workflow, wodurch jede Anpassung nachvollziehbar, prüfbar und bei Bedarf auf einen früheren Stand zurückzustellen ist. Änderungen lassen sich vor einem Rollout syntaktisch und semantisch validieren, gegen ein Regelwerk prüfen und kontrolliert ausrollen. Ergänzend lässt sich der tatsächliche Gerätezustand regelmäßig mit dem im Repository definierten gewünschten Zustand vergleichen, um Konfigurationsabweichungen und nicht autorisierte manuelle Änderungen, sogenannte Configuration Drifts, zu erkennen.

KI-gestützter IT-Betrieb: Vom Einzelereignis zur Ursachenanalyse

Wenn das Monitoring die Messwerte liefert und Observability eine übergreifende Sicht schafft, kann der Einsatz von KI und maschinellem Lernen die Flut an Betriebsdaten analysieren, Ereignisse korrelieren, Anomalien erkennen und damit den IT-Betrieb unterstützen. Ein mögliches Beispielszenario für den KI-gestützten IT-Betrieb lässt sich anhand einer Störung erklären, bei der mehrere zunächst unauffällige Ereignisse zusammenkommen.

Ein Anwender meldet, dass der Zugriff auf eine Cloud-Anwendung ungewöhnlich langsam ist. Das klassische Monitoring zeigt zunächst keinen eindeutigen Fehler, da weder eine Komponente ausgefallen ist noch kritische Schwellwerte überschritten werden. Der KI-gestützte Netzwerkbetrieb führt dagegen die folgenden Betriebsdaten zusammen:

  • Ein WAN-Link weist einen moderaten Anstieg der Paketverluste auf.
  • Die Latenz zum Cloud-Provider liegt über der für diese Tageszeit üblichen Baseline.
  • Ein DNS-Server benötigt länger für die Namensauflösung.
  • Die Telemetriedaten eines Routers zeigen gleichzeitig eine erhöhte Schnittstellen-Auslastung.

Durch die Korrelation von mehreren Ereignissen lassen sich Abweichungen vom normalen Verhalten erkennen, die zeitlich und technisch zusammenhängen. Statt vier einzelne Warnungen, die zunächst im klassischen Monitoring unauffällig unter dem Radar bleiben, kann ein Zusammenhang hergestellt und ein Incident abgeleitet werden.

In den letzten Jahren ist ein Trend zu KI-unterstützten Funktionen in den Netzbetriebs-Tools zu beobachten. Lässt man den Marketingaspekt beiseite, lassen sich KI- und Analyseverfahren einsetzen, um große Mengen unterschiedlicher Betriebsdaten automatisiert auszuwerten, Anomalien und Zusammenhänge zu erkennen und daraus relevante Erkenntnisse für den Netzbetrieb abzuleiten.

Generative KI und LLM im Netzbetrieb: Der Chatbot als Assistent

Generative KI und Large Language Models (LLMs) schaffen mit Chatbots eine neue Interaktionsebene für den Netzbetrieb. Statt überfüllter Dashboards, unendlich erscheinender Logdateien oder CLI-Ausgaben manuell auszuwerten, können Netzexperten Betriebszustände in natürlicher Sprache abfragen, Störungen analysieren und Handlungsempfehlungen generieren lassen.

Besonders großes Potenzial besteht beim Troubleshooting, bei der Zusammenfassung und Korrelation von Betriebsdaten sowie bei der Erstellung und Prüfung von Konfigurationen. Entscheidend für die Qualität der Ergebnisse bleibt die kontrollierte Einbindung aktueller Telemetrie-, Konfigurations- und Betriebsdaten. Das LLM entwickelt sich damit zum Assistenten des Netzexperten, während die Validierung kritischer Änderungen beim Menschen verbleibt.

Herausforderungen und Fallstricke

Der Einsatz von Tools für Monitoring, Management und Automatisierung ist ein wesentlicher Bestandteil des modernen Netzbetriebs. Mit zunehmender Anzahl, funktionaler Tiefe und Funktionsüberschneidungen der eingesetzten Lösungen entstehen jedoch auch technische und organisatorische Herausforderungen.

  • Konsolidierung statt Tool-Wildwuchs

Eine hohe Anzahl isolierter Tools führt zu Datensilos und zu einer zunehmenden Belastung des Netzbetriebs. Das Betriebsteam muss Informationen aus Monitoring, Konfigurationsmanagement, Automatisierung und Ticket-System manuell zusammenführen. Dadurch steigen Komplexität und Zeitaufwand bei der Fehleranalyse. Unterschiedliche Datenmodelle und fehlende Schnittstellen erschweren eine durchgängige Sicht auf den Betriebszustand. Statt zusätzliche Werkzeuge einzuführen, sollte daher die Integration der vorhandenen Tool-Landschaft über APIs und gemeinsame Datenquellen verfolgt werden.

  • Automatisierung schlechter Prozesse als Problembeschleuniger

Automatisierung verbessert nicht automatisch einen Prozess. Werden ineffiziente, fehleranfällige oder unzureichend definierte Abläufe automatisiert, können sich deren Schwächen verstärken. Fehlerhafte Konfigurationen werden dann schneller und auf mehr Komponenten ausgerollt. Vor der Automatisierung sollten Abläufe deshalb standardisiert, vereinfacht und mit klaren Prüf- und Freigabeschritten versehen werden. Erst ein beherrschter manueller Prozess bildet ein solides Fundament für eine sichere und skalierbare Automatisierung.

  • Abhängigkeiten proprietärer Lösungen minimieren

Proprietäre Management- und Automatisierungslösungen schaffen Silos und können zu einem ungewollten Vendor-Lock-in führen und spätere Technologie- oder Herstellerwechsel erschweren. Die Planungsverantwortlichen sollten daher auf offene Standards, dokumentierte APIs und herstellerunabhängige Datenmodelle setzen. Auch Automatisierungsabläufe sollten möglichst von einzelnen Plattformen entkoppelt werden. Dadurch bleiben Netzarchitekturen flexibel, Integrationen werden erleichtert und die langfristige Bindung an Hersteller reduziert.

Fazit

Der Netzbetrieb steht heute vor der Herausforderung, wachsende Komplexität mit begrenzten personellen und finanziellen Ressourcen zu beherrschen. Klassische Monitoring-Verfahren und bewährte Betriebsprozesse bleiben weiterhin unverzichtbar, reichen allein jedoch nicht mehr aus. Erst die Kombination aus Monitoring, Echtzeit-Telemetrie, Ende-zu-Ende-Transparenz, Configuration Management und Automatisierung schafft die notwendige Transparenz und Flexibilität für den Betrieb von Netzumgebungen.

Der eigentliche Erfolg liegt dabei nicht in der Einführung möglichst vieler Werkzeuge, sondern in deren sinnvoller und betriebsbereichernder Integration. Eine zentrale Datenbasis, standardisierte Abläufe, offene Schnittstellen und die Versionierung von Konfigurationen bilden das Fundament für einen stabilen und sicheren Betrieb. Gleichzeitig können KI-gestützte Analyseverfahren und generative KI den Netzexperten dabei assistieren, Zusammenhänge schneller zu erkennen, Fehlalarme zu reduzieren und die Ursachenanalyse zu beschleunigen.

In den kommenden Jahren werden Automatisierung, AIOps und KI-gestützte Betriebsplattformen weiter an Bedeutung gewinnen. Gleichzeitig rücken Themen wie Post-Quantum-Kryptografie und Automatisierung der Kontrolle regulatorischer Anforderungen stärker in den Fokus.

Verweise

[1] ComConsult Netzwerk Insider, Ausgabe Oktober 2020, Artikel „Der Flaschenhals der Cloud“, Quelle: https://www.comconsult.com/der-flaschenhals-der-cloud/

[2] ComConsult Blog, 19.05.2026, Blog „Automatisierung im Netzwerkumfeld: Moderne Tools für den effizienten IT-Betrieb“, Quelle: https://www.comconsult.com/automatisierung-im-netzwerkumfeld/

[3] ComConsult Blog, 05.12.2023, Blog „Post-Quantum-Kryptografie“, Quelle: https://www.comconsult.com/post-quantum-kryptografie/

[4] ComConsult Blog, 03.12.2024, Blog „PQC-Algorithmen veröffentlicht“, Quelle: https://www.comconsult.com/pqc-algorithmen-veroeffentlicht/

[5] ComConsult Blog, 24.02.2026, Blog „Quanten – eine Gefahr für unsere Netze?“, Quelle: https://www.comconsult.com/quanten-eine-gefahr-fuer-unsere-netze/

TCP/IP: Netze erfolgreich betreiben
03.11.-05.11.2026 online

Netzsegmentierung: Aufbau und Management
09.03.-10.03.2027 in Aachen | online

© Copyright - ComConsult