KI-Esoterik

13.09.2022 / Nils Wantia

Nils Wantia

Wir leben in einer Welt des sich immer weiter beschleunigenden Fortschritts.

Wissenschaftliche Errungenschaften sind kaum noch durch Einzelgänger möglich, zu viel Wissen wird benötigt, zu viel Arbeit steckt dahinter.

Das bedeutet jedoch auch, dass es für den einzelnen Menschen immer schwieriger wird, diesem Fortschritt an all seinen Fronten noch zu folgen. Zu viele Informationen, die häufig auch viel zu komplex sind.

Doch wie geht man als moderner Mensch mit Themen um, die man nicht versteht?

Populär erscheinen hier wieder die ganz alten Methoden, bekannt aus Steinzeit bis Mittelalter: vergöttern oder verteufeln.

Nehmen wir zum Beispiel das Thema elektromagnetische Strahlung: Hier kräuseln sich vielen schon bei dem Gedanken die Nackenhaare, denn alles, was strahlt, ist grundsätzlich böse. Mit Ausnahme der Sonne natürlich, war sie ja auch schon vor der Wissenschaft da. Doch strahlende WLAN-Accesspunkte oder Hochspannungsleitungen?

Allerdings geht es auch andersherum: Talismane, edle Steine oder andere Gegenstände, die Strahlung entweder absorbieren oder selbst strahlen sollen, je nachdem, was gerade mehr gefragt ist. Hier kommt der Technik beinahe etwas Mystisches zu. Wir verstehen es nicht, doch scheint da irgendetwas zu sein, das etwas tut, und das könnte letztlich doch auch gut sein, oder nicht? Schließlich sind das die Geschichten, aus denen Superhelden entstehen.

Es sind einfache Erklärungen für komplexe Phänomene. Hier wird bewusst mit Halbwahrheiten und Wissenslücken beim Zielpublikum gespielt. Denn ja, Strahlung kann natürlich gefährlich sein. Und zur Heilung wird sie auch eingesetzt. Beides ist wissenschaftlich erwiesen, doch wer das in all seiner Tiefe selbst nachvollziehen und verstehen möchte, steht vor einer wahren Herausforderung.

Wie sich obige Frage beim Thema COVID-19 bislang entwickelt hat und weiterhin entwickelt, kann jeder seit etwa zweieinhalb Jahren aktiv mitverfolgen. Inzwischen sind wir fast alle gefühlte Pandemie-Experten, ohne dass wir uns jemals mit den Grundlagen der Virologie beschäftigt hätten.

Ein guter Ansatz könnte zwar grundsätzlich darin bestehen, die Bewertung von möglichen Gefahren (oder Potenzialen) an Experten zu delegieren, doch verschiebt sich das Problem damit auf die alles entscheidende Frage nach dem Vertrauen. Wer verdient es und warum?

Noch schwieriger erscheint es beim Thema Künstliche Intelligenz: Wie wird man hier eigentlich zum Experten? Wo finde ich die Experten? Wie kann ich beurteilen, ob jemand qualifiziert ist, darüber zu sprechen, und welchen Aussagen darf ich vertrauen?

Die meisten von uns verstehen nicht, wie Künstliche Intelligenz funktioniert oder funktionieren soll. Trotzdem treibt dieses Schlagwort bereits seit einigen Jahren sein Unwesen und muss regelmäßig für geradezu absurdes Marketing herhalten. Denn es gibt Hoffnung, dass dort im Hintergrund etwas geradezu Magisches geschieht, das bestimmt auch noch zu einem tollen Ergebnis führen wird. Man muss nur daran glauben.

Doch ist meine Excel-Tabelle wirklich schon „powered by Künstliche Intelligenz“, wenn ich eine WENN/DANN-Abfrage eingebaut habe? Reichen vielleicht ein paar Bildverarbeitungsalgorithmen, die eine Person von ihrem Hintergrund trennen, um das KI-Siegel zu rechtfertigen? Oder gibt es das erst für den Supercomputer, wenn er ein Bewusstsein entwickelt und die Weltherrschaft an sich reißen möchte?

Der KI-Begriff ist leider so unfassbar schwammig, schlecht bis überhaupt nicht definiert, dass man mit ihm kaum ordentliche Diskussionen führen kann. Er ist in erster Linie ein nichtssagendes Buzzword, welches sich bereitwillig für den gefühlten doch unverbindlichen Mehrwert einer Sache gebrauchen lässt.

Dass die Bundesregierung eigens eine KI-Strategie entwickelt hat, deren Umsetzung mit insgesamt fünf Milliarden Euro gefördert wird, regt noch einmal zusätzlich die Phantasie an. Übrigens wird in dieser Strategie anerkannt, dass es keine „konsistent genutzte Definition von KI“ gibt. Stattdessen werden eigene Beispiele aufgeführt, denen jedoch je nach Interpretation keine oder alle der oben genannten Beispiele, inklusive der Excel-Tabelle, gerecht werden. Streng genommen wird sogar der intelligente Supercomputer ausgenommen, weil der wiederum zu klug scheint (starke KI).

Wie soll man also mit einem Begriff umgehen, der in gleichen Teilen von Populärkultur, Politik, Marketing, Pseudo- und seriöser Wissenschaft geprägt und verwendet wird?

In der KI-Strategie findet sich darauf sogar eine mögliche Antwort: Es sollen mehr Fachkräfte ausgebildet, Professuren und Forschungsstrukturen etabliert und vernetzt werden.

Vielleicht finden wir dort unsere Experten.

Vielleicht kann es manchmal auch lohnenswert sein, sich selbst ein wenig mit den Themen zu beschäftigen. Vielleicht reicht ein generischer Oberbegriff ab einem gewissen Punkt nicht mehr aus, und wir müssen zu den darunterliegenden Themen greifen.

Vielleicht müssen wir uns doch wieder mit Logik, Linguistik, Mathematik und Philosophie sowie diversen Algorithmen und vielen weiteren Themen beschäftigen, um wieder mehr von dem zu verstehen, über das wir sprechen.

Vielleicht. Vielleicht morgen.

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