Wird IPv6 international zur Pflicht?

23.09.2021 / Dr. Johannes Dams

Johannes Dams

Seit mittlerweile fast 23 Jahren gibt es IPv6. Damals war es noch ein erster Entwurf, und am Standard hat sich seitdem sehr viel getan [1, 2]. In der Realität entwickeln sich IPv6 und die Nutzung hiervon jedoch deutlich langsamer als ursprünglich erwartet. Kommt nun durch den vor kurzem in China festgelegten “5-Jahres-Plan“ Bewegung in die Entwicklung?

Häufig wurde beschworen, dass man an IPv6 nicht vorbeikommt und eine Umstellung in nahe Zukunft rückt. Tatsächlich werden auch wir nicht müde, auf diesen Umstand hinzuweisen. Bei genauem Hinsehen wird klar, dass die Relevanz von IPv6 in vielen unternehmensinternen Netzen nicht so zeitnah ansteigen wird. Solange keine Anwendung nur über IPv6 funktioniert oder keine Kommunikation zu entsprechenden IPv6-only-Servern im Internet oder bei Partnern notwendig ist, besteht für eine Migration kein Druck. Schließlich ist das jeweilige Unternehmen für die eigene Infrastruktur selbst verantwortlich.

Neue Vorgaben für IPv6 in China

Deutlich anders sieht dies in China aus, wie heise.de vor kurzem berichtete [3]. Dort wurden von Seiten der chinesischen Regierung Vorgaben unter dem Titel „Hinweis zur Beschleunigung der groß angelegten Bereitstellung und Anwendung von Internet Protocol Version 6 (IPv6)“ [4] veröffentlicht, welche eine Umsetzung von IPv6 in verschiedenen Schritten als staatliches Ziel definiert. So gibt es feste Forderungen an den Anteil des mit IPv6 übertragenen Datenverkehrs, welcher bis 2023 bzw. 2025 umgesetzt werden soll.

Einerseits werden entsprechende Regeln konkret für Internetprovider und Mobilfunkbetreiber eingeführt. Andererseits beschränken sich diese nicht auf Provider, sondern betreffen auch Internetseiten der Regierung, von Behörden sowie  „wichtige kommerzielle Sites und mobile Apps“[3]. Nicht zuletzt gibt es einen Wert für den Anteil der IPv6-fähigen WLAN-APs und den Anteil des IPv6-Festnetzverkehrs. Ebenso definiert China eine Förderung der vollständigen IPv6-Unterstützung für zentrale Unternehmensgruppen und die privaten Netzwerke von Schlüsselunternehmen [4, Abschnitt 4 bzw. Paragraph 10] als Ziel. Des Weiteren sollen Industrial Internet, also Produktionsnetze, hinsichtlich IPv6 erweitert werden. Für Details empfehle ich den Artikel auf heise.de [3].

Insgesamt wird deutlich, dass die chinesische Regierung mit entsprechendem Pathos die Nutzung von IPv6 vorantreiben will. Die definierten Ziele lassen sich voraussichtlich nicht ohne eine Umsetzung in privaten Unternehmensnetzen erreichen.

Internationale Auswirkungen

Natürlich ist nicht davon auszugehen, dass solch eine Regelung hierzulande nachgeahmt wird. Dennoch gilt: Mindestens für international tätige Konzerne mit Standorten in China ist zu erwarten, dass IPv6 damit mittelfristig zu einer Pflicht für diese Standorte wird. Entsprechende Konzepte, welche auch für den gesamten Konzern anwendbar sind, werden daher benötigt.

Es ist also zu vermuten, dass zumindest ein Teil unserer Unternehmen einen erhöhten Druck verspüren könnte, IPv6 einzuführen. Dual-Stack-Betrieb mit IPv4 und IPv6 nimmt in diesen Bereichen damit zu. Ob dieser Druck ausreicht, um die Ziele zu erreichen, bleibt abzuwarten.

Wenn dies für internationale Konzerne gilt, könnten als Folge der Entwicklung in China auch andere Unternehmen zunehmende Anforderungen hinsichtlich IPv6 stellen. Es ist davon auszugehen, dass nach den in China tätigen Unternehmen in erster Linie deren Geschäftspartner am Zuge sind, eine entsprechende Kompatibilität sicherzustellen.

Ein Verweis auf den möglichen Dual-Stack-Betrieb mit IPv4 und IPv6 in chinesischen Unternehmen reicht als Argument für eine ohnehin funktionierende Kommunikation nicht aus. China erwähnt in dem Strategiepapier den eigenen „IPv6-Single-Stack-Piloten“ und beschreibt diesen als Erfolg. Ebenso rechnet China bis 2030 mit einem „evolutionären Übergang zum IPv6-Single-Stack“ − zumindest für verschiedene, nicht weiter genannte Branchen und Sektoren [4]. Für die Kommunikation mit Geschäftspartnern in China kann IPv6 also zwingend erforderlich werden.

Zusammenfassung

Selbst wenn China die geplante  IPv6-Umstellung tatsächlich umsetzt, betrifft dies hiesige Unternehmen  selten direkt und nur in China tätige Konzerne haben mit Auswirkungen zu rechnen.

Dennoch sollten auch andere Unternehmen auf IPv6 in der Praxis vorbereitet sein, falls Teile der chinesischen Industrie bis 2030 nur noch mittels IPv6 erreichbar sein werden. Es empfiehlt sich somit, bereits entsprechende Vorüberlegungen anzustellen und Konzepte auszuarbeiten, die dann natürlich rechtzeitig in die Tat umgesetzt werden sollten.

Doch auch in anderen Teilen der Welt existieren zumindest für öffentlich-rechtliche Institutionen und Verwaltungen Vorgaben oder Vorbereitungen zur IPv6-Umsetzung [4, 6, 7]. Allerdings scheinen die Umsetzung und auch entsprechende Planungsdetails hier noch nicht sehr weit vorangeschritten zu sein, wohingegen die Pläne Chinas sehr weitreichend wirken.

Ob die Entwicklung tatsächlich so kommt, wie von China geplant, wird sich erst mit der Zeit zeigen. Auch wenn bei uns diese Entwicklung deutlich langsamer verläuft, kommen Unternehmen hierzulande mittel- oder langfristig nicht um eine IPv6-Migration herum. Entsprechende Vorbereitungen und Konzeptarbeiten sind also klar zu empfehlen.

Literaturhinweise

[1] S. Deering & R. Hinden (1998). RFC 2460 Internet Protocol, Version 6 (IPv6) Specification. Internet Engineering Task Force

[2] S. Deering & R. Hinden (2017). RFC 8200 Internet Protocol, Version 6 (IPv6) Specification. Internet Engineering Task Force

[3] M. Ermert (30.08.2021). Internet-Protokolle: Wie China IPv4 zugunsten von IPv6 ablöst, heise.de. https://www.heise.de/news/Internet-Protokolle-Wie-China-IPv4-zugunsten-von-IPv6-abloest-6171126.html

[4] China Netcom (23. Juli 2021). Hinweis zur Beschleunigung der groß angelegten Bereitstellung und Anwendung von Internet Protocol Version 6 (IPv6). Google Übersetzung zu: http://www.cac.gov.cn/2021-07/23/c_1628629122784001.htm

[5] Bundesbeauftragter für Informationstechnik (2019). IPv6-Masterplan für die Bundesverwaltung, Entwurf. https://media.frag-den-staat.de/files/foi/531501/de-government-ipv6-masterplan-v100-entwurf_konvertiert.pdf

[6] Bundesbeauftragter für Informationstechnik (2020). Beschlusssache 2020/13: Zukunftsfähige Netzinfrastrukturen auf Basis von funktionsfähigem IPv6. https://www.cio.bund.de/SharedDocs/Publikationen/DE/Bundesbeauftragter-fuer-Informationstechnik/Konferenz_der_IT-Beauftragten_der_Ressorts_Beschluesse/2020_13_Beschluss_Konferenz_IT-Beauftragte.pdf

[7] United States of America, Federal Trade Commission (2021). U.S. Federal Trade Commission Transition to Internet Protocol version 6 (IPv6). https://www.ftc.gov/system/files/attachments/site-information/ipv6_memorandum_signed.pdf

IPv6: Grundlagen, Migration, Betrieb
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